Suchtberaterin besorgt: Stressgeplagte Erwachsene greifen zum Mittel für Sorgenkinder

Ein Medikament macht Karriere

Was der Chemiker Methylphenidat nennt, bereitet den Suchtberatern zunehmend Kopfzerbrechen. Mediziner setzen Ritalin bei der Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ein. Es unterliegt einer gesonderten Verschreibungspflicht.
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Was der Chemiker Methylphenidat nennt, bereitet den Suchtberatern zunehmend Kopfzerbrechen. Mediziner setzen Ritalin bei der Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ein. Es unterliegt einer gesonderten Verschreibungspflicht.

Stendal. Sehnsüchtige in der Altmark haben ein neues Zaubermittel für sich entdeckt. Von Ritalin, einem verschreibungspflichtigen Medikament, wird längst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen.

Sein unheilvoller Siegeszug hat vor einigen Jahren in den Zentren begonnen und nun den ländlichen Raum erreicht. Manche Experten sprechen schon von einer regelrechten Epidemie. Grit Franzke, Sucht- und Drogenberaterin bei der Caritas in Stendal, beobachtet die Entwicklung mit großer Sorge. „Es ist kein Phänomen, das allein in Großstädten auftritt. Auch wir in der Altmark haben immer häufiger damit zu tun. “ Ritalin macht spürbar leistungsfähiger. Doch der Preis, den die eigentlich sonst gesunde Menschen für diesen Kraftschub zahlen müssen, ist hoch.

Selbst der Hersteller des Medikaments warnt vor starken Nebenwirkungen wie Depressionen. Ritalin ist eigentlich für Kinder mit einem ausgeprägten Aufmerksamkeitsdefizit und einer Hyperaktivitätsstörung gedacht. Sie werden ruhiger und konzentrierter. Ganz unumstritten ist das Mittel allerdings auch für diesen Gebrauch nicht. Es gibt sogar Skeptiker aus der Musikwelt. Till Brummer, Mitglied der Chemnitzer Band „Kraftklub“, hat das Mittel als Kind bekommen. In einem Interview mit der Westdeutschen Zeitung in Düsseldorf erinnert er sich: „Ich selbst musste Ritalin über fünf Jahre regelmäßig nehmen. In der Schule hatten sie viele Probleme mit mir, weil ich sehr aufgedreht war. Und weiter: „Es gibt immer noch keine Untersuchungsergebnisse darüber, wie Ritalin über einen langen Zeitraum wirkt. Viele Leute werden von Ritalin psychisch abhängig, weil sie glauben, ohne die Tabletten nicht mehr klarzukommen.“ Nicht zuletzt Brummers persönliche Erfahrungen hat die ostdeutsche Band in einem Lied verarbeitet. Darin heißt es: „Nie, nie, nie, nie wieder Ritalin.“

Gerade Oberschüler, Studenten im Prüfungsstress, aber auch Manager und andere Menschen unter besonderem Leistungsdruck sehen das anders. Wer glaubt, nur noch mit unerlaubten Mitteln in Studium und Beruf mithalten zu können, schluckt immer häufiger Ritalin, das in pharmazeutischer Hinsicht dem Kokain ziemlich ähnlich sei. Fachleute fürchten um die Gesundheit und das Bildungssystem. Franzke sieht in dem Mittel eine Droge, die im Landkreis Stendal auf dem Schwarzmarkt erhältlich sei und als Koksersatz eingeworfen werde. „Wir reden dabei in der Regel von einem Mischkonsum, die Leute greifen nicht allein zu Ritalin. Der Umgang mit den Abhängigen ist derselbe wie der mit anderen Süchtigen: Entgiftung, Entwöhnung, ambulante Nachsorge. Wir arbeiten da schon seit vielen Jahren mit den Krankenhäusern in Uchtspringe und Jerichow zusammen.“

Wer Kontakt zur Caritas in Stendal sucht, der wähle Tel. (03931) 71 55 66. Franzke hat Schweigepflicht. Das bedeutet: Nichts dringt nach außen.

Von Marco Hertzfeld

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