Die schweißtreibenden Aufstiege des Rainer Wulff und Jörg Schwendler

Mächtig Spaß mit Pilates

Familiäre Stimmung im Gewölbekeller: St.-Pauli-Stadionsprecher Rainer Wulff und Jörg Schwendler entdecken den einsamen HSV-Fan im Publikum. Tja. Jetzt kann man wohl keine Witze über die stets abstiegsbedrohten Unabsteigbaren machen. Oder vielleicht ein bisschen? Ein bisschen! Foto: Hasse
+
Familiäre Stimmung im Gewölbekeller: St.-Pauli-Stadionsprecher Rainer Wulff und Jörg Schwendler entdecken den einsamen HSV-Fan im Publikum. Tja. Jetzt kann man wohl keine Witze über die stets abstiegsbedrohten Unabsteigbaren machen. Oder vielleicht ein bisschen? Ein bisschen! 

Stendal. Bloß nichts Schlüpfriges jetzt. Jörg Schwendler ist schließlich ursprünglich daheim in der Altmark. Hier kommt der mittlerweile in Lüneburg lebende Autor her. Wenn er jetzt was mit ...

– ne Moment, also was Unanständiges sagt, „dann weiß das morgen meine Mama.“ Und die Chance, dass was Schlüpfriges rausrutscht, ist hoch. 

Allein das Motto des Abends im „Kaffeekult“ sagt es: „Kunst & Frevel“ wurde am Samstag aufgeführt, eine Comedy-Lesung. Der Autor hatte also seine persönlichen Hemmungen. Und sein Kumpel auch, der Rainer Wulff, der Stadionsprecher von St. Pauli. „Haben wir hier HSV-Fans?“, fragt er. Und da meldet sich dann blöderweise einer im Saal. Wulff: „Ich hab ja auch meine HSV-Geschichten, aber die kann ich so nicht bringen.“ Aber: Ach was. Beide haben schließlich doch vom Leder gezogen. Über ihren Bauch, über Boris Becker, über die blöden Berge. Und was Unanständiges. Und den HSV.

Die beiden haben auffallend unterschiedliche Erzählstile. Schwendler mit schneller Story und Schenkelkrachern. Wulff mit ruhigen Schilderungen, hineingewobenen historischen Zitaten und kleinen loriot-esken Momenten zum stillen Genießen. Oder auch mal zum Johlen, wie die Damen im Saal, als Wulff ein Traktat über die unselige Unterwäschewahl von Menschen im Bett vorträgt. Da geht es um Frauen, die nackt neben Boris Becker lagen. „Also, ich würde mir da lieber eine Ritterrüstung anziehen“, sagt Wulff. Die Frauenwelt quietscht vor Lachen.

Und Wulff erzählt, wie es ihn zum Bergsteigen trieb. In seinem Heimatland Hamburg ist der höchste Berg der Hasselbrack. 116 Meter hoch. Und dann versuchte er sich am Kreuzeck im Wettersteingebirge. 1651 Meter. Ohne Essen und Trinken und in Turnschuhen. Norddeutsch-blauäugig. Sein Fazit: Berge sind „unnütz!“ – wie übrigens der (fast) so heißende Berg in Tirol.

Noch ein schwerer Aufstieg in einer Erzählung von Schwendler: Der merkt irgendwann, dass er ohne Hilfe von benachbarten Omis kaum noch die Treppen zum vierten Stock zu seiner Wohnung hoch kommt. Er will joggen. Und bemerkt: Die fitten Jogger joggen im Tageslicht. Erst nach der Dämmerung, da kommen dann die Dicken aus ihren Verstecken. „Wie Fledermäuse. Nur langsamer.“ Um seine Kilos loszuwerden, versucht er sich auch an einem Besuch im „Galaxy“ – da taucht dann die alte Heimat auf. „Muskelbepackte Kampfmaschinen“ taxieren seine barocke Gestalt: „...die warten auf die Show“, sagt er. Die Demütigung gibt er sich nicht, er haut ab, und landet schließlich bei einer Pilates-DVD von Barbara Becker. Aber die redet ihm zu viel von Ameisen, die er sich vorstellen soll, wie sie unter seinem Bauch krabbeln, während er eben auf seinem Bauch liegt. Schwendler hat die Faxen dicke. Die Pilates-DVD landete bei der benachbarten Oma.

Politisch wird es auch. Wulff zieht Egon, den „Troll“ – das Wort bezeichnet einen provozierenden Kommentator im Internet – durch den Kakao, der über die Regierung, über die Wirtschaft und Autoabgase und Glatteis und Gewitter herzieht, und versucht, seriös zu sein – aber doch immer auffällt, weil er Merkel beharrlich mit „ck“ schreibt.

Die Show hat gefallen, das Publikum applaudiert. Und das zu recht. „Kunst & Frevel“ macht ernsthaft Spaß.

Von Kai Hasse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare