KKH-Psychologin über Einflüsse digitaler Medien auf Heranwachsende

Machen Smartphones Kinder krank?

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Laut der Kaufmännischen Krankenkasse führt der übermäßige und unkontrollierte Umgang mit den digitalen Medien zu schweren Erkrankungen wie ADHS oder Fettleibigkeit.

Stendal. Laut Daten der Kaufmännische Krankenkasse (KKH) sind Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren auf dem Vormarsch, die früher untypisch für sie waren.

Beispielhaft hierfür ist zwischen 2006 und 2016 die Zunahme von Sprach- und Sprechstörungen oder ADHS. Für Psychologin Franziska Klemm von der KKH zählt neben mangelnder Bewegung und unausgewogener Ernährung auch ein übermäßiger, unkontrollierter Umgang mit digitalen Medien und Smartphones zu den Ursachen für diese Entwicklung.

Interview

Frau Klemm, laut einer repräsentativen Umfrage der KKH liegt für 59 Prozent der befragten Eltern das ideale Alter für das erste eigene Smartphone zwischen sechs und 13 Jahren. Wann sind Kinder Ihrer Meinung nach alt genug dafür?

Klemm: Das hängt vom individuellen Entwicklungsstand des Kindes ab, das richtige Alter gibt es nicht. Ist der Nachwuchs gut über die Funktionen digitaler Medien, mögliche Gefahren, deren Vor- und Nachteile informiert, zeigt dies Eltern, dass der Zeitpunkt für ein Smartphone richtig ist.

Kinder und Jugendliche haben im Internet Zugriff auf Inhalte, die sie nicht einordnen können und die sie seelisch belasten. Was können Anzeichen dafür sein?

Klemm: Erste Signale hierfür können Schlafstörungen, Appetitlosigkeit sowie Kopf- und Bauschmerzen sein, aber auch Konzentrationsprobleme.

Welche Gefahren birgt das permanente Abtauchen in virtuelle Welten?

Klemm: Durch starken Medienkonsum können Kinder und Jugendliche Entwicklungsmöglichkeiten verpassen, die ihnen die analoge Welt bietet und die wichtig für ein gesundes Heranwachsen sind. Es kann sich auch eine Internet- beziehungsweise Computerspielabhängigkeit entwickeln. Zudem kann digitales Abtauchen zu schweren Erkrankungen führen wie Depressionen, Persönlichkeitsstörungen und Adipositas.

Wie können Eltern ihr Kind vor möglichen Risiken durch Medienkonsum schützen?

Klemm: Eltern sollten ihr Kind langsam mit digitalen Medien vertraut machen und an die Hand nehmen. Dazu gehört es auch, Regeln aufzustellen. Auch für ältere Kinder sollten Eltern stete Ansprechpartner in Fragen rund um Medien sein.

Können Medien auch Einfluss auf das Schönheitsideal junger Menschen haben?

Klemm: Ganz bestimmt! Professionelle Fotobearbeitung in Medien verschafft enorme Möglichkeiten, Menschen bildschön in Szene zu setzen. Das kann bei Mädchen wie Jungen falsche Wünsche und Erwartungen wecken. Daher ist es wichtig, mit ihnen über Schönheitsideale zu sprechen und sie darin zu unterstützen, ein gesundes Körper- und Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Kinder und Jugendliche nutzen digitale Medien vor allem zur Unterhaltung, aber auch für Kommunikation, Information sowie Bildung. Steht der Umgang mit Medien nicht zu oft in einem negativen Licht?

Klemm: Nicht unbedingt. Unsere Umfrage zeigt, dass die deutliche Mehrheit, nämlich 62 Prozent, der befragten Eltern vom Nutzen digitaler Medien für ihre Kinder überzeugt sind. Medien haben ein hohes Potenzial für die Persönlichkeitsentwicklung von Heranwachsenden. Entscheidend ist, sie sozial verantwortungsvoll, selbstbestimmt und reflektiert zu nutzen und sich nicht von ihnen abhängig zu machen. Das sollte jungen Menschen frühzeitig vermittelt werden.

Zunehmende Erkrankungen:

• Sprach- und Sprechstörungen um 46 Prozent erhöht, bei den 15- bis 18-Jährigen um 200 Prozent.

• motorische Entwicklungsstörungen um 76 Prozent erhöht.

• ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) um 37 Prozent erhöht.

• Fettleibigkeit (Adipositas) insgesamt um 12 Prozent erhöht, bei den 6- bis 10-Jährigen um 20 Pronzent.

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