IBKA-Chef Hartmann hebt Reformator auch im Jubiläumsjahr nicht in Himmel

Luther spaltet Meinungen: „Vertreten Religionskritik“

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Eines der größeren Luther-Denkmäler im Land steht vor Magdeburgs Johanniskirche.

Stendal. Martin Luther spaltet die Meinungen. Keineswegs alle Bürger wollen den Kirchenreformer in den Himmel heben, auch nicht mit Blick auf den Thesenanschlag vor 500 Jahren.

Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) sieht in Luther immerhin eine interessante historische Gestalt. René Hartmann, Jahrgang 1968, befasst sich gern und ausgiebig mit ihr. Die AZ hat den Diplom-Informatiker aus Hessen im Jubiläumsjahr zum Sachsen-Anhalter befragt.

Interview

In der Altmark, im erweiterten Stammland Luthers, soll die Reformation so richtig erst ab 1539 und damit relativ spät Einzug gehalten haben. Inwiefern handelt es sich um eine Region ganz nach Ihrem Geschmack?

Nach meinen Informationen ist die Bevölkerung in der Altmark überwiegend konfessionslos, das ist aus IBKA-Sicht natürlich sympathisch.

In der Kreisstadt Stendal ist eine Straße nach dem Reformator benannt, in anderen Städten trägt ein Platz oder eine Schule seinen Namen. Welche Einrichtung würden Sie gern mit dem Namen versehen?

Gerne würde ich einen originellen Vorschlag machen, aber angesichts von Luthers Antisemitismus können wir es nicht gutheißen, wenn öffentliche Einrichtungen nach ihm benannt werden.

Martin Luther ist für den IBKA ein rotes Tuch, logisch. Doch wer Ihre Internetseite besucht, wird irgendwie enttäuscht. Das Luther-Jubiläum nimmt einen überschaubaren Raum ein. Inwieweit ist Ihre Mission gescheitert?

Es lässt sich feststellen, dass die Person Luther heute nicht mehr ganz so unkritisch gesehen wird wie noch vor einigen Jahrzehnten. Ich denke, der IBKA kann zufrieden sein, wenn er dazu mit seinen begrenzten Mitteln beigetragen hat.

Der Deutsche Freidenker-Verband, Ihr Verbündeter im Geiste, hat wenigstens noch ein Standbein in Luthers Sachsen-Anhalt. Einen Landesverband des IBKA gibt es hingegen nicht, noch nicht einmal einen Regionalbeauftragten. Was machen Sie falsch?

IBKA-Chef René Hartmann

In einer Region wie Sachsen-Anhalt, wo weniger als 20 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören, werden Themen wie Religionskritik und Trennung von Staat und Kirche naturgemäß als weniger wichtig empfunden als anderswo, und das macht es auch dem IBKA schwerer, mit seinen Anliegen Gehör zu finden. Das ist bedauerlich, denn die öffentliche Subventionierung der Kirchen verursacht Kosten, die von allen Bürgerinnen und Bürgern getragen werden.

Vielleicht braucht der Osten Sie aber auch gar nicht. Partei und Staat haben ihre ganz eigenen Spuren hinterlassen. Inwiefern steht der IBKA in dieser religionsfeindlichen staatssozialistischen Tradition?

Die DDR war zwar dem Christentum gegenüber nicht gerade freundlich eingestellt, aber auch Religionskritik hatte es dort nicht leicht, vor allem wenn sie nicht der vorgegebenen ideologischen Linie folgte. Der IBKA sieht sich in der Tradition der Aufklärung. Wir vertreten eine Religionskritik, die darauf verzichtet, der dogmatischen Religion eine dogmatische Anti-Religion entgegensetzen zu wollen.

Das Lutherbild in der DDR änderte sich. Zum Schluss wollte das Regime Kapital aus ihm schlagen, ließ unter anderem einen Film drehen, der sogar von der westdeutschen Kritik gelobt wurde. Wenn Sie einen Film drehen könnten, wer wäre der Held?

Die Zeit, in der Luther lebte, war eine Zeit des Umbruchs, und solche Zeiten sind reich an Personen, deren Vita sich als Vorlage für Filme eignet. Auch Luther ist fraglos eine interessante Gestalt, wobei er aus unserer Sicht eher als Rebell gegen Kirche und Papsttum interessant ist denn als Begründer der protestantischen Kirche. Mindestens ebenso interessant wären andere Kirchenrebellen wie zum Beispiel Jan Hus, in mancher Hinsicht ein Vorgänger Luthers. Er hatte allerdings weniger Glück als Luther und wurde 1415 auf dem Konstanzer Konzil verbrannt.

Luther attackierte die Juden scharf und wollte sie offenbar am liebsten loswerden. So mancher Wissenschaftler will in seinen Schriften einen religiös motivierten Antijudaismus und Antisemitismus erkennen. Wer eine Ehrenrettung versucht, spricht vom historischen Kontext, der nicht vergessen werden dürfe, vom Zeitgeist, von einem Ausrutscher. Wie halten Sie es?

Wo Religion eine negative Rolle spielte, wird das gerne damit entschuldigt, dass dies dem Zeitgeist geschuldet sei. Selbst wenn man das gelten ließe, würde es zeigen, dass der Anspruch der Religion, eine Art moralisches Korrektiv gegenüber dem Zeitgeist darzustellen, eine Anmaßung ist.

Schon allein Sachsen-Anhalt lässt sich das Luther-Jubiläum 2017 mehr als 70 Millionen Euro kosten. Zahlreiche Veranstaltungen sind geplant. Selbst katholische Christen, die in Luther auch den Kirchenspalter sehen können, sind eingeladen. Wo lassen Sie Luther hochleben?

Unser Beitrag besteht darin, Luther kritisch zu würdigen. Für 2017 stehen noch keine Veranstaltungsorte fest.

Von Marco Hertzfeld

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