Parken im Wohngebiet

Lkw-Fahrer fühlt sich abgedrängt: Stendaler wissen nicht wohin mit Kraftpaketen

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Torsten Dreher hat Feierabend und parkt seinen Lkw möglichst so, dass es keinen stört. Hinter der Stadtsee-Sparkasse stehen an dem Tag unter anderem auch Fahrzeuge mit Magdeburger und Cloppenburger Kennzeichen.

Stendal – „Die Fahrzeuge waren all die Jahre geduldet. Nun will sie niemand mehr sehen. Aber wo sollen wir sie denn bitte schön hinstellen?“ Torsten Dreher ist nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Doch angefressen, ja angefressen, das sei er schon.

Er öffnet die Tür seines Sattelzuges, der es in voller Länge auf 18 Meter bringt.

Der 52-Jährige hat ihn hinter der Stadtsee-Sparkasse so abgestellt, dass er keine aufgezeichneten Parkflächen blockiert. Doch wirklich erlaubt sei das natürlich auch nicht, weiß der Familienvater. Wohngebiete sind an Wochenendtagen und in den Nachtstunden wochentags einfach tabu. Auch darüber hinaus sind die Vorschriften streng. Seit ungefähr zwei Wochen kontrolliere die Stadt verstärkt.

Der Berufskraftfahrer stellte seit 2000 die unterschiedlichsten Lkw in diesem Bereich ab. Bis vor sechs, sieben Jahren eine Silvesterrakete seinen Anhänger abbrennen ließ. Vermutlich waren spie-lende Kinder schuld an dem Unglück. Aber auch so häuften sich die Vorfälle.

Dreher wich mit seinem damaligen Fahrzeug auf die nahe Stadtseeallee aus, die ob ihrer Ausmaße wie geschaffen scheint für parkende Kraftpakete. Er ist zudem gleich um die Ecke aufgewachsen und glaubt, dass Bekannte auch weiterhin gut auf sein Arbeitsgerät aufgepasst hätten. Doch es begannen die Kontrollen, sein Chef in Osterburg bekam den ersten Strafzettel zugestellt und Dreher kehrte zurück. „Wobei das Ordnungsamt ja überall abkassiert.“

Dass immer mehr Lkw gerade an den Wochenenden an der Stadtseeallee und den Nebenstraßen stehen, gefällt nicht jedem. Drei, vier und mehr Parkplätze für Pkw sind durch einen Lkw auf einen Schlag belegt. Anwohner müssen sich beschwert haben. „Ein Kollege soll sich auch regelmäßig mitten in der Nacht mit lautem Hupen von seiner Familie verabschiedet haben.“ Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Es bleiben die Sorgen und Probleme der Brummifahrer, die sich nun noch verschärfen dürften. Drehers Botschaft: „Wir brauchen vernünftige Parkplätze in dieser Stadt, sie müssen bezahlbar, sicher und ganzjährig verfügbar sein.“ Wer sie schafft, ist dem Altmärker letztendlich völlig egal.

Dreher ist seit 34 Jahren Berufskraftfahrer, fünf Jahre arbeitete er in Westdeutschland. Ansonsten lebte er so gut wie immer in Stendal. Wobei das mit der Heimat und Stendal natürlich relativ sei: Schließlich ist er gut die Hälfte seines Arbeitslebens international unterwegs gewesen und war dann erst recht wochenlang nicht daheim. Großbritannien, Spanien, Italien, Dreher war dort und in weiteren Ländern. Irgendwann wurden seine Kreise, die er zog, wieder kürzer und nationaler. Seit eineinhalb Jahren ist er für eine Osterburger Entsorgungsfirma in der Spur, transportiert nicht zuletzt Altpapier und Kunststoffe im norddeutschen Raum. Der Mangel an Lkw-Parkplätzen in Deutschland sei riesengroß.

Die Autobahn quer durch den Landkreis Stendal werde den Bedarf noch vergrößern, weil dann Kollegen aus Polen und anderen Staaten verstärkt in die Gegend kämen. Und überhaupt: An vielen Rasthöfen sei ab 17 Uhr kein Stellplatz mehr zu bekommen und so mancher Autohof verlange bis zu 20 Euro allein fürs Parken. Dass die AZ Ende August über die Situation in Stendal und der Republik berichtet hat, habe den Finger noch einmal in die Wunde gelegt. Den Fahrern bliebe oft gar nicht anderes übrig, als das Fahrzeug quasi vor ihrer Haustür abzustellen. Zumal: Ein riesiger Parkplatz für Lkw am Hohen Weg im Industriegebiet in Stendal könne seit Kurzem nicht mehr genutzt werden und befinde sich im Umbruch.

Der Schützenplatz, auf dem Lkw erlaubt sind, sei nun einmal nicht durchgängig frei. Für diese Woche hat sich zum Beispiel wieder ein Zirkus angekündigt. Dreher geht von mindestens 50 Berufskollegen in Stendal aus, die gerade zu den Wochenenden hin händeringend einen Stellplatz suchen. „Natürlich kenne ich nicht alle, aber man weiß von der gemeinsamen Qual, einen Platz finden zu müssen.“ Der Familienvater ist oftmals von montags bis freitags auf Achse. Seinen Lkw bei seiner Firma abzustellen, sei aus verschiedensten Gründen nicht möglich. „Ich müsste mit dem Auto hin und her, kreuz und quer. Dadurch wäre alles noch komplizierter. Montags muss ich schon jetzt gegen 0 Uhr los.“

Vielleicht lasse sich ja das Gelände nahe Dekra und Feuerwehr stärker für Lkw nutzen, etliche stünden dort bereits. Noch herrscht dort Wildwuchs, die Stadt müsste Geld in die Hand nehmen und aufräumen. Dass im Stadtgebiet vor allem Brummis mit auswärtigem Kennzeichen parkten, bedeute ja nicht, dass die Fahrer nichts mit der Stadt und dem Landkreis zu tun hätten.

„Im Gegenteil, sie leben hier. Und ohne Lkw läuft auch so nichts in der Region, kein Benzin, keine Lebensmittel, keine Entsorgung von Stoffen.“ Dreher schließt seine Zugmaschine ab, es ist Sonnabendfrüh. Nun will er erst einmal nicht an die Arbeit denken. Ob das Ordnungsamt an diesem Wochenende Knöllchen verteilt, er weiß es nicht.

VON MARCO HERTZFELD

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