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Die Leidenschaft des Füreinanders

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Mit Pfarrer Ulriche Paulsen beten fünf der neun noch in der Rolandstadt lebenden Schwestern auf der geschützten Grabfläche gegenüber der Kapelle auf dem Friedhof.  Fotos (2): Mahrhold
Mit Pfarrer Ulriche Paulsen beten fünf der neun noch in der Rolandstadt lebenden Schwestern auf der geschützten Grabfläche gegenüber der Kapelle auf dem Friedhof. Fotos (2): Mahrhold

Stendal. Die Bedeutung der Diakonissen im Mutterhaus neben dem Johanniter-Krankenhaus zeigt sich auch auf Stendals Friedhof. Die Hansestadt-Führung weiß das Areal direkt gegenüber der Kapelle zu schätzen und hat es zur geschützten Grabfläche erklärt.

Vor den 56 Steinen, deren Inschriften allesamt auf die Profession der dort ruhenden Damen hinweisen, singt und betet Pfarrer Paulsen gestern Nachmittag mit fünf der noch neun in der Rolandstadt lebenden Diakonissen. Elfriede Heiduk (89), Auguste Bettges (75), Hildegard Menzel (87), Ursula Feller (81) und Herta Steuer (84) versammeln sich vor den mit Efeu und Geranien bedeckten Gräbern, wie es bei Stendals Diakonissen im Vorfeld großer Jubiläen so üblich ist. Denn die Adelberdt-Stiftung, für die fromme Frauen seit Jahrzehnten mit Leib und Seele wirken, begeht 150-jähriges Jubiläum, weshalb in der Jacobikirche am Sonntagmorgen ein Festgottesdienst gefeiert wird. Zum anschließenden Empfang im Mutterhaussaal an der Wendstraße werden mehr als 100 Gäste erwartet, darunter auch Delegationen aus Mutterhäusern in Braunschweig, Magdeburg und Genthin.

„Wir danken für 150 Jahre Mutterhaus-Geschichte“ predigt Paulsen den fünf Diakonissen, während eine Tanne laustark rauscht und sich Flieder im Wind wiegt. Er verliest die Namen der zuletzt Verstorbenen und reicht rote und gelbe, fair gehandelte Rosen. Und als die Runde von Grab zu Grab geht und 56 Blumengrüße verteilt hat, erhebt das Fünftett erneut die Stimme, um mit dem Pfarrer zu singen. „Laudate omnes gentes“ (Alle Völker, lobet den Herrn“) intonieren sie gegen den Lärm eines Güterzuges. „Der Tod gehört dazu“, lächelt Schwester Elfriede und führt die AZ durch die fünf Reihen. „Sie ist viel zu jung gestorben“, zeigt Heiduk auf ein ganz bestimmtes Grab. Und hält inne.

Es ist doppelt belegt, wie die meisten dort auf der geschützten Anlage. „Wir sind ja nicht mehr so viele“, gibt Schwester Auguste zu Protokoll. Sie und ihre Kolleginnen waren es gewesen, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges den Betrieb im Stendaler Krankenhaus aufrechterhielten. Die Damen blieben, ihr Einsatz selbst war dann später auch in den Dörfern der Region sehr gefragt. Wegen ihrer weißen Hauben sind sie vielen Rolandstädtern bekannt.

Kirche und Diakonie sollten erneuert werden, wünscht Paulsen. Und zwar durch die „Leidenschaft füreinander da zu sein“, ganz so, wie es Stendals Klinikseelsorger von den Damen mit dem sorgsam gestärkten Kopfschmuck kennt. Wie die Schwestern sich „in den Dienst am Menschen“ stellen, das imponiert Paulsen.

Von Antje Mahrhold

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