Neue Ausstellung: 7,5 Millionen Deutsche sind von Analphabetismus betroffen

Ein Leben ohne Schrift

+
„In Sachsen-Anhalt sind etwa 200 000 Menschen von funktionalem Analphabetismus betroffen“, erklärt Philip Müller Studiendekanin Frauke Mingerzahn (links) und Bibliotheks-Leiterin Petra Beier. Die Wanderausstellung in der Stendaler Hochschule kann noch bis zum 14. Dezember besucht werden.

Stendal. „Können Sie mir das kurz vorlesen? Ich habe meine Brille zu Hause vergessen“ – Sätze wie dieser müssen zwar nicht, können aber ein Hinweis darauf sein, dass eine Person des Lesens und Schreibens nur in einem sehr geringen Maße mächtig ist.

Wenn die Kompetenzen nicht mehr ausreichen, um den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden, spricht man von funktionalem Analphabetismus.

Betroffen sind davon deutschlandweit mehr als 14 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung, das entspricht 7,5 Millionen Deutschen. In Sachsen-Anhalt wird die Zahl der Betroffenen auf 200.000 Erwachsene geschätzt.

„Die Probleme beginnen für betroffene Elternteile schon, wenn sie ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstüzen möchten“, berichtet Prof. Dr. Frauke Mingerzahn, Studiendekanin an der Stendaler Hochschule. Zwar seien Betroffene in der Lage einzelne Wörter zu erkennen, nicht aber zusammenhängende Texte. Auch Mitteilungen der Lehrer, etwa im Hausaufgabenheft, werden nicht verstanden und ignoriert. „Da steckt ja kein böser Wille hinter“, erklärt die Dekanin und möchte auf das Thema aufmerksam machen.

„Leider ist funktionaler Alphabetismus für viele immer noch ein Tabu“, bedauert auch Philip Müller, Projektreferent für berufliche Bildung aus Magdeburg. Das soll sich mit Hilfe von Aufklärungsarbeit ändern. Am Dienstag wurde vor dem Audimax der Stendaler Hochschule eine Wanderausstellung zum funktionalen Alphabetismus eröffnet. Bis zum 14. Dezember können sich Interessierte täglich (außer sonntags) von 8 bis 18 Uhr zu dem Thema informieren. Der Standort für die Ausstellung ist keinesfalls zufällig gewählt, wie Philip Müller zugibt. Denn die Studierenden der Stendaler Fachhochschule werden später einmal überwiegend im Bildungsbereich arbeiten. Sie sollen dafür sensibilisiert werden, den Analphabetismus frühzeitig zu erkennen und Hilfestellungen anzubieten.

Dabei fällt Ersteres nicht immer leicht: Die Scham über das eigene Unvermögen sitzt bei den Betroffenen oft tief, sodass viele von ihnen beginnen Vermeidungsstrategien zu entwickeln, um sich nicht „outen“ zu müssen. So haben die Personen oft einen Kreis aus „Mitwissern“ um sich, die Schreibaufgaben für sie übernehmen oder Texte vorlesen. „Es gibt junge Auszubildende, die Monat für Monat ein fehlerfreies Berichtsheft abgeben, nur halt nicht in der eigenen Handschrift“, berichtet Frauke Mingerzahn. Daher sei es für Lehrer und Arbeitgeber enorm wichtig, die Augen offen zu halten.

„Viele Betroffene kostet es große Überwindung, sich zu ihrem ‘Defizit’ zu bekennen“, weiß Marion Zempel von der Ländlichen Erwachsenenbildung Kreisarbeitsgemeinschaft (LEB KAG) in Stendal. Alphabetisierungskurse stehen in der örtlichen Bildungseinrichtung an der Tagesordnung, auch im kommenden Jahr. Und die Nachfrage ist laut Zempel enorm. „Wir haben Betroffene, die immer wieder zu uns kommen. Schwierig ist für viele nur der erste Schritt“, weiß sie zu berichten. Doch der Weg in ein selbstbestimmteres Leben lohnt sich ganz gewiss.

Zu erreichen ist Marion Zempel unter Tel. (03931) 51 97 88. Hilfe für Betroffene gibt es außerdem beim deutschlandweiten Alfa-Telefon unter 0800 - 53 33 44.

Von Charlotta Spöring

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare