Ein Leben nach „Down Under“

Nach Monaten in Australien lebt sich Nina Przyborowski wieder in Stendal ein.

Stendal - Von Nina Przyborowski. Seit etwas mehr als drei Monaten hat mich mein Vaterland nun wieder, nachdem ich meinen Auslandsaufenthalt in Australien vorzeitig abbrechen musste.

Der April empfing mich, in Stoffhose, T-Shirt und „Thongs“(Flip-Flops), mit Temperaturen, die mein sonnenverwöhnter Körper nur sehr schwer ertragen konnte. Die letzten Tage vor meiner Abreise hatte ich, bei einem meiner nun besten Freunde, David, verbracht. Seine Familie nahm mich, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, in ihrem schönen Haus in Gosford, eine Stunde nördlich von Sydney gelegen, auf. Ungefähr zehn Tage verbrachte ich in ihrer Obhut und mein größter Australien-Traum wurde wahr: Ich ging in die Sydney-Oper, um mir ein Konzert anzusehen. Dave und ich erstanden nur noch Karten hinter der Bühne, erlebten aber trotzdem eine unvergessliche Show der Gruppe „The Swell Season“, bekannt aus dem irischen Film „Once“. Die Titelmusik dieses Films begleitete mich durch meinen ganzen Australienaufenthalt hinweg und der Abend vor dem Ambiente der untergehenden Sonne über der Sydney-Skyline stellte den passenden Soundtrack zum Abschied von meiner Lieblingsstadt und von einem Abschnitt meines Lebens, den ich niemals vergessen werde, dar.

Am Abend vor meiner Abreise ließ Davids Mutter es sich nicht nehmen, mich mit einem Drei-Gänge-Menü zu verabschieden. Es gab Garnelen, mein neues Lieblingsgericht, und außerdem backte sie „Meringue“, ein typisch australisches Gebäck, gleich dem deutschen „Baiser“, das man unbedingt mal, mit Waldbeeren und Sahne kombiniert, probieren muss.

Am Tag meiner Abreise war mir eigentlich nur nach Weinen zumute und auch Dave, der mich zum Flughafen begleitet, wirkte etwas betrübt. Schweren Herzens verabschiedete ich mich von Australien und stieg in das Flugzeug, das mich zuerst nach Seoul, Südkorea, und dann nach Frankfurt am Main, Deutschland, bringen sollte.

Den Flug nach Seoul durchlebte ich recht seriös, irgendwie hatte meine Weltuntergangsstimmung meine Flugangst verdrängt. Außerdem war sowieso niemand da, dem ich von meinen Ängsten erzählen könnte. Ich saß neben einer korpulenten Koreanerin, die noch die Hälfte meines Sitzes einnnahm.

In Seoul angekommen hatte ich zwölf Stunden Aufenthalt, ich verbrachtee eine Nacht im von der Fluggesellschaft spendierten Hotel. Den anderen Backpackern, die ihren Australien-Aufenthalt wohl hauptsächlich in Hostels verbracht haben, stiegen Tränen des Glücks in die Augen, als sie unsere Bleibe betraten. Auch ich freute mich in einem erstklassigen Hotel speisen und nächtigen zu können. So langsam begann ich, mich auf meine Rückkehr zu freuen.

Den zweiten Teil des Fluges verbrachte ich vor dem Bildschirm und sah mir zwölf Stunden lang aktuelle Kinofilme an.

Meine Mutter und mein Bruder holten mich vom Flughafen ab. Meine Befürchtung, man habe sich „auseinander gelebt“ bestätigte sich nicht, Blut ist immer noch dicker als Wasser, und mir fiel auf, wie schön es ist wieder im vertrauten Kreis der Familie zu sein. Wir verbrachten noch eine Nacht in Frankfurt, bevor es zurück nach Stendal ging.

Dank meiner nun recht kurzen Haare genoss ich absolute Anonymität in meiner Heimatstadt, die mir recht gelegen kam, denn die Waage, die mir in Seoul neun Kilo mehr als mein gewöhnliches Gewicht anzeigte, hatte tatsächlich nicht gelogen und es war mir unangenehm, dass man mir meine glücklichen Monate ansehen konnte. Von nun an mutiere ich zum Profisportler, Laufschuhe wurden gekauft und der Stadtsee wurde mein neuer bester Freund.

Kurz nach meiner Ankunft verreiste ich erst einmal mit meinem Vater für ein paar Tage, zurück an meine liebsten Orte in Deutschland, hoch an die Ostseeküste. Wenn man erst einmal eine Weile von zu Hause weg war, lernt man die kleinen schönen Orte viel mehr schätzen und mehrmals fragte ich mich während unseres Ausflugs, warum ich so oft auf mein Heimatland geschimpft habe.

Meine Freunde, von denen leider nur noch sehr wenige in Stendal sind, wiederzusehen, vertrieb das Trübsal, das sich manchmal von hinten an mich heranschlich. Viel Zeit miteinander blieb uns aber nicht, denn die meisten sind über ganz Deutschland verteilt und genießen ihr Studentenleben, während ich erst einmal versuche, mich wieder in den deutschen Alltag einzufinden.

Überraschte Blicke erntete ich bei meinen Einkäufen im Supermarkt, da ich mich wohl doch etwas zu überschwänglich mit „Ja, danke!“ und „Schönen Tag noch!“ verabschiedete. Ein bisschen komme ich mir vor wie ein bunter Paradiesvogel, der ab und zu, ohne es selbst zu wissen, ein Lächeln unter den Leuten erzeugt.

In Situationen, in denen es um schnelle Reaktion geht, fällt es mir schwer, auf meine Muttersprache zurückzugreifen. In einer Drogerie bedanke ich mich mit einem „No, thanks.“, was die Verkäuferin, die sofort nach Ablöse schrie, sichtlich verwirrte, denn bis eben hatte ich doch noch Deutsch mit ihr gesprochen, oder?

Generell kam mir Deutschland kälter und verknöcherter vor denn je. Selbst wenn in Australien längst nicht jedes „How are you today?“ wirklich ernst gemeint ist, erscheint mir die Kultur doch trotz allem offener, hilfsbereiter und irgendwie entspannter. Vor allem die geliebte Spontanität, die besonders unter uns Backpackern verbreitet ist, fehlt mir hierzulande, speziell unter Leuten meines Alters. Mal eben spontan Grillen geht gar nicht und über das Wochenende einen kleinen Ausflug ins Nirgendwo zu machen, wäre ja möglich, wenn ich schon vor zwei Wochen dieses Verlangen geäußert hätte. Ich musste mich erstmal daran gewöhnen, dass hier nicht alle so viel Zeit haben wie ich.

Mittlerweile fühle ich mich auch hinterm Steuer wieder sicher und melde mein absolut kultiges Lieblingsauto, eine rot-weiße Ente, wieder an. Von nun an verbringe ich viel Zeit in Magdeburg, um meine Cousine und meine Freunde vom Lernen abzulenken. Die Ente bringt mich meist sicher an mein gewünschtes Ziel und nach nun drei Monaten Fahrpraxis vertraue ich dem Auto auch so weit, dass ich keine Schweißausbrüche mehr bekomme, sobald der Motor meiner Ente an der Ampel ein bisschen untertourig zu laufen beginnt.

Natürlich brennt noch immer die Reiselust in mir und wenn es schon nicht die Welt ist, die ich momentan erobern kann, dann doch wenigstens Europa. Diese Woche geht es für mich nach London, um der unangenehmen deutschen Hitze zu entfliehen und stattdessen meinen britischen Akzent aufzupolieren. Cheers!

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