Polizei sieht nicht spürbar mehr Diebstähle / Marketing-Verein: Ängste da

Ladenbesitzer provokant: Reizgas gegen Flüchtlinge

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Die Zahl der Ladendiebstähle in Stendal ist laut Polizei nicht dramatisch angestiegen.

Stendal. „Wir haben seit Herbst mindestens einen Vorfall in der Woche“, schimpft ein Anfang Vierzigjähriger am Telefon. Der Unternehmer hat mehrere Läden in Stendal und Salzwedel, und überall gebe es Ärger mit Flüchtlingen.

„Es sind vor allem Jugendliche, die unsere Verkäuferinnen mit sexuell anzüglichen Sprüchen belästigen, provozieren und für Unruhe sorgen. Vor kurzem hat eine Gruppe einfach auf dem Boden mitten im Laden gebetet. Was soll denn das?“ Gestohlen worden sei auch, zuletzt Handys der Mitarbeiter. Um die angebotene Kleidung müsse sowieso immer gefürchtet werden. Der Händler, der seinen Namen in der Zeitung nicht lesen möchte, will mittlerweile ein gutes halbes Dutzend Anzeigen wegen Ladendiebstahls gestellt haben.

„Nehmen sich einfach, was sie brauchen“

In Teilen der Bevölkerung rumort es. Menschen wollen Asylbewerber am helllichten Tag beim Klauen beobachtet haben. „Sie nehmen sich einfach, was sie brauchen. Warum schreibt Ihr denn nichts darüber?“, fragt eine Frau. Sie will ihren Namen ebenfalls nicht genannt wissen. Mitunter erreichen auch Anrufe die Redaktion der AZ, anonym. Brennpunkt sei die Breite Straße, die Haupteinkaufsstraße der Kreisstadt. „Die klauen wie die Raben“, wettert ein Mann. Diese und ähnliche Vorwürfe spielen auch bei den Demonstrationen der flüchtlingsfeindlichen „Bürgerbewegung Altmark“ eine Rolle. Und immer wieder wird gerade der Polizei in der Stadt offen oder hinter vorgehaltener Hand vorgeworfen, sie mache nichts und informiere die Öffentlichkeit nicht wahrheitsgemäß.

Polizei wehrt sich: Informieren offen

„Wir lassen nichts hinten runterfallen“, betont Polizeisprecher Marco Neiß gegenüber der AZ. Die Statistik sei eindeutig: Es gebe keinen spürbaren Anstieg beim Ladendiebstahl. Auch von der Breiten Straße als Schwerpunkt könne keine Rede sein. „Es gibt immer wieder einmal Vorfälle, ja, auch sind die Zahlen für die vergangenen Monate leicht angestiegen. Doch wir sind ja nun einmal auch mehr Menschen geworden.“ In etwa zwei Wochen will die Stendaler Polizei die aktuellen Zahlen der Kriminalität für Stendal und den Landkreis offiziell vorstellen.

Wütender Händler: Statistik zweifelhaft

Für den wütenden Ladenbesitzer spiegeln solche Zahlen nicht die Situation wider. „So mancher will uns einfach nicht glauben. Viele Unternehmer haben Angst und trauen sich einfach nicht, Anzeige zu erstatten. Vielleicht wird auch aus anderen Gründen nicht gegen die Ausländer vorgegangen“, mutmaßt der Mann. Er werde seine jungen Verkäuferinnen jedenfalls mit Reizgas ausstatten und insbesondere sein Lager zusätzlich sichern.

C&A nach Inventur: Keine höheren Zahlen

Das Bekleidungsunternehmen C&A gehört in Stendal zu den Platzhirschen. Sprecher Thorsten Rolfes in Düsseldorf hat sich für die AZ beim zuständigen Regionalmanager erkundet: „Bei uns hat es im Vergleich zum Vorjahr keinen Anstieg bei den Diebstählen gegeben. Das können wir deshalb so genau sagen, weil es gerade eine Inventur gegeben hat.“ Ein Wachmann stehe nur phasenweise in der Stendaler Filiale, auch schon im vergangenen Jahr. Sein Auftreten habe nichts, wie vielleicht von einigen vermutet, mit stehlenden Flüchtlingen zu tun. Rolfes zur AZ: „Was es in Stendal auch an Meinungen und Gefühlen geben mag, wir können es für uns einfach nicht bestätigen.“

Seit Herbst eine Handvoll gemeldeter Fälle

Polizeissprecher Neiß macht sich die Mühe und geht die Statistik der vergangenen Monate für die Breite Straße Tag für Tag durch. Aus einem Laden an der Breiten Straße verschwanden Ende Oktober Handys. Wer sie gestohlen hat, sei noch unklar. Anfang November wollte eine Gruppe Ausländer Waren im Wert von 1000 Euro stehlen, ohne Erfolg. Im Dezember wurde ein Syrer, Jahrgang 1990, dabei erwischt, wie er Dinge im Wert von knapp 15 Euro mitgehen lassen wollte. Und im selben Monat wollte ein „südländisch aussehender Mann“ vor einem Geschäft offenbar mehrere Jacken stehlen. Die Chefin reagierte prompt, der mutmaßliche Dieb türmte.

Marketing-Verein: Gleichmache falsch

Sandro Wulf, der Vorsitzende des 2014 gegründeten Stadtmarketing-Vereins, rät zur Differenzierung, „Gleichmache und Verallgemeinerung“ seien nicht hilfreich. „Oft wird heute aus einem südländisch aussehenden Menschen ein Flüchtling gemacht. Tatsächlich kann es sich dabei jedoch um einen Europäer handeln. Dies zu unterscheiden, ist für die meisten Altmärker und Menschen, die überwiegend unter sich aufgewachsen sind, schwer bis gar nicht möglich.“ Wenn sich dann die Anzahl der Diebstähle erhöhe, sei das Vorurteil schnell da, dass dies „der Flüchtling“ sein müsse.

Wulf: Geschäfte haben aufgerüstet

Ein gesichertes Meinungsbild der Stendaler Kauf- und Geschäftsleute könne er in der Kürze der Zeit nicht liefern. Nur so viel: „Es besteht aus meiner Sicht bereits ein Unterschied, ob ein kleineres, übersichtlicheres, inhabergeführtes Geschäft oder ein in der Regel größerer und unübersichtlicher Filialist betroffen ist.“ Die kleineren Geschäfte hätten überwiegend die technischen Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Die Filialisten seien bereits auf dem neuesten technischen Stand gewesen. Der größte Filialist in der Stadt hat einen Sicherheitsdienst beauftragt. „Das dies notwendig geworden ist, hat viele Ursachen. Eine Überlegung dazu bestand schon, bevor sich viele Menschen aus Ländern wie Syrien, Afghanistan und dem Kontinent Afrika auf den Weg nach Deutschland gemacht haben“, teilt Wulf der AZ weiter mit.

„Sicherheitsbedürfnis gestiegen“

Dass Geschäftsleute bewusst keine Anzeige gegen Ausländer erstatten und Angst haben, kann der Vereinsvorsitzende zumindest nicht ausschließen: „Möglich erscheint mir, dass es Geschäftsleute gibt, die eingeschüchtert sind. Fest steht, dass insbesondere angestellte Mitarbeiter aufgrund der überregional dargestellten Gesamtsituation verunsichert sind und es Situationen gibt, in denen die Mitarbeiter, gerade bei dem Eintreten von Personengruppen nichtdeutscher Herkunft, ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis empfinden.“

Anwalt: Banden könnten Situation ausnutzen

Wulf, ein Anwalt, betont: „An mich und den Vorstand sind keine Mitglieder oder Kaufleute herangetreten, die darüber berichtet haben, dass es eine Mehrzahl an Diebstählen durch Flüchtlinge gibt.“ Dabei könne grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden, dass solche Situationen geschaffen und ausgenutzt werden von Personengruppen mit europäischem Hintergrund, zum Beispiel Menschen aus Rumänien oder anderen südeuropäischen Ländern. „Diese treten professionell auf und lassen dann auch die Vermutung auf eine gewerbsmäßige Begehung zu.“

Migrant klaut Messer, Deutscher Schnaps

Polizeisprecher Neiß findet für den Zeitraum einige weitere Vorfälle. Ende Oktober stahl ein 14-jähriger Deutscher aus einem Kaufhaus an der Breiten Straße Jeanshosen. Auch anderswo in der Stadt werde geklaut, etwa im oder nahe dem Altmarkforum. So ließ ein Migrant im Herbst drei Messer mitgehen und ein Deutscher zwei Schnapsflaschen. „Unterm Strich bleiben wir bei unserer Einschätzung: Es gibt keine spürbare Häufung, und die Breite Straße ist kein Schwerpunkt.“ Übrigens: Für den gesamten Dezember ist der Polizei kein einziger Diebstahl entlang der Breiten Straße gemeldet worden – und das im Weihnachtsgeschäft. Neiß: „Das ist schon sehr bemerkenswert.“

Von Marco Hertzfeld

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