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Weißer Ring: Pandemie schlägt sich in Stendal erst nieder

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Von: Marco Hertzfeld

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Eine Frau wird von einem Mann geschlagen.
Kriminalität und Unrecht haben viele Gesichter. Gerade mit Opfern häuslicher Gewalt, fast ausschließlich Frauen, hat der bundesweit aktive Weiße Ring regelmäßig zu tun. In Stendal besteht eine Außenstelle des Vereins. © Imago

Kriminalität und Pandemie: Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht, Corona wirkt sich aus. Der Opferverein Weißer Ring in Stendal rechnet mit steigenden Zahlen.

Stendal – „Corona hat diese Welt nicht besser gemacht.“ Manuela Baeß-Amtenbrink schaut noch einmal anders auf die Pandemie. „Das Virus hat die Frauen daheim gehalten, unter der Knute des Herrn, wenn man so will. Vieles bricht sich nun erst Bahn oder die Betroffenen trauen sich erst jetzt und suchen Unterstützung.“ Der Weiße Ring in Stendal hat allein dieses Jahr bereits 17 Fälle betreut, bei einem beachtlichen Teil davon ging es um häusliche Gewalt oder auch um Missbrauch, zum Teil von Kindern. „Unterm Strich wird es 2022 einfach mehr sein, das Ende der Fahnenstange ist nicht erreicht“, prognostiziert die Außenstellenleiterin gegenüber der AZ. Im vergangenen Jahr floss bei den 20 Fällen insgesamt Geld in Höhe von gut 10.000 Euro, diesmal könnte es doppelt so viel sein.

Manuela Baeß-Amtenbrink, Weißer Ring Stendal, sitzt vor ihrem Haus und telefoniert.
Manuela Baeß-Amtenbrink leitet die Außenstelle des Weißen Rings in Stendal. Seit Kurzem ist sie zudem Vizelandeschefin. © Marco Hertzfeld

Häusliche Gewalt frisst sich weiter

Drei Fälle wiegen momentan besonders schwer und fordern die 60-Jährige, die seit Anfang Mai auch eine von zwei Vizelandesvorsitzenden des Vereins ist. „Es handelt sich um zwei versuchte Tötungen, Messerattacken im Jugendbereich, und einmal um häusliche Gewalt, der Mann hat die Frau regelrecht verdroschen.“ Ins Detail gehen will und kann die Altmärkerin nicht. „Eine bestimmte Anonymität, Verschwiegenheit, ja eine Schweigepflicht, sollen garantiert bleiben.“ In einem Faltblatt wirbt die Organisation für ihre ehrenamtliche Arbeit. Ob Betrüger an der Haustür, Einbrüche oder Gewaltdelikte, seien es Mobbing am Arbeitsplatz oder auch sexueller Missbrauch oder das Stalking eines Ex-Partners: Die meisten unverschuldet in Not geratenen Opfer von Kriminalität sind erst einmal auf sich gestellt.

Ehrenamtsarbeiter suchen Mitstreiter

Geld fließt nicht immer, Baeß-Amtenbrink und Mitstreiter müssen genau hinschauen, allein schon deshalb, weil die Mittel nicht unerschöpflich sind. Und natürlich spielt das Einkommen des Betroffenen eine Rolle. Eine Soforthilfe kann Stendal allein auslösen, anderes mehr muss beantragt werden. Oft geht es um die Fahrtkosten zu Opferanwälten, von denen die wirklich guten in der Regel in Magdeburg säßen. „Anwaltliche Hilfe, Traumaambulanz, Umzug, auch Ferienzeiten, all das und mehr haben nun einmal ihren Preis, wir können helfen.“ Die Außenstelle Stendal füllt sich für die beiden altmärkischen Landkreise und einen großen Teil des Jerichower Landes zuständig. Gerade einmal sieben Frauen erledigen die Arbeit, ehrenamtlich. „Auch Männer sind jederzeit willkommen.“

Stendalerin seit Mai Vizelandeschefin

Wobei gerade einer vergewaltigten Frau kein Mann im Beratungsgespräch am Telefon oder gar leibhaftig gegenüber sitzen sollte. Schon aus rechtlichen Gründen gilt in solchen Fällen zudem das Sechs-Augen-Prinzip, alles muss extra dokumentiert werden. Fünf der sieben ehrenamtlichen Mitarbeiter sind länger dabei, Baeß-Amtenbrink ist die Jüngste davon, die Älteste zählt 71 Lenze. Dass sich seit einiger Zeit zwei Studentinnen der Rehapsychologie engagieren, freut die Leiterin besonders. „Sie sind Anfang, Mitte 20. Da wächst etwas Tolles nach. Nötige Schulungen haben sie bereits durchlaufen.“ Der Weiße Ring will sich künftig noch stärker der Kriminalprävention an Schulen widmen. Die Kapazitätsgrenze des Vereins in der Altmark sei nicht erreicht, noch jedenfalls nicht.

Zahlungen doppelt so hoch wie 2021

Die Gruppe arbeitet mit dem Frauenhaus zusammen, einen guten Draht gibt es auch zur Polizei und zu anderen Behörden, obgleich natürlich die Unabhängigkeit großgeschrieben wird. „Alles ist ein wenig härter geworden unter den Menschen, einiges hat sich nach der Pandemie und alle den Beschränkungen schon entladen, anderes kommt vielleicht erst noch.“ Baeß-Amtenbrink, eine gelernte Kinderkrankenschwester, und Kollegen sind oft ganz dicht dran. „Wir sehen die Frauen mit ihren blauen Flecken und dem Veilchen unterm Auge, das Kind auf dem Arm.“ Seit März 2018 engagiert sich die Stendalerin im Verein, der in Mainz seinen Hauptsitz hat und 1976 nicht zuletzt von Eduard Zimmermann, dem Moderator der TV-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“, gegründet wurde.

Im April 2021 hat sie das Ruder für die Außenstelle übernommen. Bei der 30-Jahr-Feier des Landesverbandes in Halle im Mai dieses Jahres wurde der Vorstand neu gewählt. Kerstin Godenrath, eine Landtagsabgeordnete, ist nun Vorsitzende. Der Vizeposten wurden diesmal zweimal vergeben, neben der Altmärkerin an einen Harzer. „Die Aufgaben sind damit geografisch besser verteilt“, glaubt Baeß-Amtenbrink. Dass die Stendaler damit auch mehr Einfluss haben, will sie erst gar nicht in Abrede stellen. „Wir werden zumindest gehört und wahrgenommen, das kann nicht falsch sein“, meint sie mit Augenzwinkern. Bis zu 15 Stunden ehrenamtlicher Arbeit in der Woche leiste sie. Unter anderem mischt die 60-Jährige auch in der Projektgruppe des Landkreises „Gemeinsam gegen Gewalt“ mit.

Der Verein in Stendal zählt 22 Mitglieder, das sind etwas weniger als im Jahr zuvor. „Natürlich freuen wir uns, wenn weitere Leute zu uns finden.“ Der Weiße Ring ist nach eigenen Angaben in Deutschland die größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. Er lebt ausschließlich von Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Geldauflagen. An Spenden sind 2022 bislang 395 Euro eingegangen, an Bußgeldbeträgen über das Amtsgericht 860 Euro. Erstberatung, tiefere Gespräche, Vermittlung zu weitere Anlaufpunkte: Ihren Kopf frei bekommt Baeß-Amtenbink nach wie vor durch ihren privaten Streichelzoo. Von den sieben Hunden daheim sind zwei Pflegefälle. Die Stendalerin bringt sich in den Soester Tierschutzverein „Retriever in Not“ ein und fungiert demnach als anerkannte Pflegestelle

Kontakt zur Hilfsorganisation:
Der Weiße Ring in Stendal sucht Spender und weitere Unterstützer. Auch neue Mitglieder sind jederzeit willkommen. Für die ehrenamtliche Arbeit gibt es eine gewisse Aufwandsentschädigung. Wer sich einbringen möchte, Nachfragen hat oder auch nur mehr Informationen über die Hilfsorganisation wünscht, kann diese Kontaktdaten nutzen: Manuela Baeß-Amtenbrink, PF 101208, 39552 Stendal, Tel. 0151/55164650, stendal@mail.weisser-ring.de, Landesbüro Sachsen-Anhalt Tel. (0345) 2902520.

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Virus bleibt haften / Soziale Folgen nicht kleinreden:
Durch die Corona-Pandemie sollen der deutschen Wirtschaft Schäden in einer dreistelligen Milliardenhöhe entstanden sein. Dass vor allem auch Kunst und Kultur stark unter den Einschränkungen gelitten haben, ließ sich zuletzt beispielhaft an dem leer gefegten Veranstaltungskalender altmärkischer Städte ablesen. Was der monatelange, ja jahrelange Ausnahmezustand mit den Menschen selbst gemacht hat, lässt sich derzeit sicherlich noch nicht abschließend einschätzen. Familien könnten reihenweise überstrapaziert, Beziehungen angeschlagen, wenn nicht gar kaputt sein. Nicht alles muss gleich in Gewalt und Kriminalität enden, natürlich. Und doch zeigt die vorsichtige Einschätzung des Weißen Ringes, wohin die Reise gehen könnte. Die Langzeitfolgen für die Region sind wohl nicht unerheblich.

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