Opferhilfe mit neuer Spitze bearbeitet nach Corona-Delle mehr Fälle

Kriminalität: Weißer Ring in Stendal gefragt

Häusliche Gewalt: Eine flache Hand wehrt eine Faust ab.
+
Der Weiße Ring in Stendal hat vor allem mit Fällen zu tun, bei denen es um häusliche Gewalt geht. Dabei ist fast immer die Frau das Opfer und der Mann der Täter.
  • Marco Hertzfeld
    VonMarco Hertzfeld
    schließen

Nach einer Corona-Delle bearbeitet der Weiße Ring in Stendal wieder mehr Fälle. Die Opferhilfe in der altmärkischen Kreisstadt stand zudem einige Zeit vor dem Aus. Die neue Leiterin sucht Mitstreiter.

Stendal – Eine Frau ist mitten in einer altmärkischen Stadt vergewaltigt worden, von einem Mann aus der Nachbarschaft in ihrer eigenen Wohnung. Von einem Tag auf den anderen ist das Leben ein anderes, dunkel und schmerzvoll. „Diese Frau muss die Hölle durchgemacht haben“, sagt Manuela Baeß mit leiser Stimme. Seit 2018 ist sie Mitglied des Weißen Rings, seit April dieses Jahres leitet sie die Außenstelle in Stendal. In diesem Fall hatte sich der Partner des Opfers bei der Hilfsorganisation gemeldet. Baeß hörte zu, fand die richtigen Worte, half bei den Unterlagen für finanzielle Soforthilfen und psychotherapeutische Erstberatungen. Die missbrauchte Frau kam letztendlich in stationäre Behandlung, später zog sie mit der Familie um. Mehr will und darf Baeß nicht ins Detail gehen.

Bei milden Temperaturen verlagert Manuela Baeß die Büroarbeit in Stendal auch gern einmal nach draußen

Verein erhält keine staatlichen Mittel

Der Weiße Ring ist nach eigenen Angaben in Deutschland die größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. Er lebt ausschließlich von Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Geldauflagen. „Opfer brauchen Beistand!“ Und den leisten auch in Sachsen-Anhalt fast ausschließlich ehrenamtliche Mitglieder wie die 59-Jährige. Corona und all die Beschränkungen haben die Arbeit gerade im vergangenen Jahr erschwert. Auch sank die Zahl der bearbeiteten Fälle. Waren es 2019 in Stendal noch 43, kamen 2020 gerade einmal neun neue hinzu. In diesem Jahr sind es immerhin schon wieder 17. Zu einem Großteil ging und geht es um häusliche Gewalt. „In Coronazeiten sind alle mehr daheim, die Frauen haben aber weniger Gelegenheit, sich an die Polizei zu wenden, sie stehen unter Kontrolle“, meint Baeß. Ob die Ausnahmesituation durch Corona selbst auch zu mehr Gewalt in den vier Wänden geführt hat, kann sie momentan nicht so ohne Weiteres einschätzen.

Außenstelle droht einige Zeit das Aus

Kriminalität hat viele Facetten. Schlimmste Gewalttaten bleiben die Ausnahme, die Statistik von Polizei und Justiz sagt nichts anderes. „Und doch müssen und wollen wir uns auch dieser Fälle annehmen. Wobei es nicht gleich der Amoklauf mit grausigem Ausgang sein muss, der einen Menschen, eine Familie, ein ganzes Umfeld verändert. Die Mutter von vier Kindern erinnert sich im Gespräch mit der AZ an eine regelrechte Serie von Handtaschendiebstählen in Einkaufsmärkten. „Die Täter gingen professionell vor, einer lenkte ab, der andere griff zu.“ Es traf in mehreren Städten im Landkreis demnach vor allem ältere Leute. „Für sie war es ein Schock, zumal womöglich die magere Rente eh kaum zum Leben reicht.“ Der Weiße Ring zahlte jeweils maximal 300 Euro Soforthilfe.

Leiterin Baeß sucht weitere Mitstreiter

Wer sich an den Opferverein wendet, soll auf fachliches Können und größtmögliche Verschwiegenheit vertrauen können. „Wer bei uns mitmachen möchte, muss dazu Einfühlungsvermögen und natürlich auch Zeit mitbringen und dazu ein erweitertes Führungszeugnis“, erläutert die ehemalige Pflegegutachterin im Einfamilienhaus, das zugleich die Außenstelle des gemeinnützigen Vereins ist. Die Kosten für das Zeugnis würden übrigens übernommen. Baeß hat einen guten Draht zum Landesverband in Halle, kennt auch die Zahlen für Sachsen-Anhalt. Insgesamt 94 Fälle bis Ende Juni sind für das Land aufgenommen, davon allein für Stendal zwölf. Der Zuständigkeitsbereich von Baeß und Mitstreitern umfasst auch den Altmarkkreis Salzwedel und das Jerichower Land.

Häusliche Gewalt dominiert Arbeit

„Überall hören wir genau zu, sehen hin und prüfen“, betont die Altmärkerin. Es gehe zwar nicht um Riesensummen, doch sollen gerade Spendengelder an der richtigen Adresse ankommen. Eine junge Frau, Auszubildende, wollte sich im Internet ein IPad kaufen, ging Betrügern auf dem Leim und verlor eine höhere dreistellige Summe. „Sie hat nach unserer Einschätzung einfach auch etwas blauäugig gehandelt. Wir haben in diesem Fall keine Soforthilfe gezahlt.“ Der Weiße Ring meint in Stendal sechs fest ehrenamtlich arbeitende Frauen und dazu drei Studentinnen, die noch nicht alle Seminare absolviert haben, Corona bremste auch die insgesamt gut halbjährige Ausbildung aus. „Männer sind natürlich ebenfalls willkommen, wir können wirklich jede Verstärkung gebrauchen.“

Der Weiße Ring in Stendal stand kurz vor dem Aus. Die langjährige Leiterin konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so, wie sie wollte. Baeß, eine gelernte Kinderkrankenschwester, übernahm das Ruder und „fuchst sich immer mehr ein“, wie sie selbst sagt. Die Kontakte zur Polizei würden seit dem Frühjahr wieder intensiver, so mancher Fall lande über die Beamten bei ihnen. Der Verein arbeitet unter anderem mit dem Frauenhaus zusammen, überhaupt seien Kontakte und ein Netzwerk aus regionalen Partnern wichtig. All die Eindrücke verarbeite sie übrigens vor allem in ihrem kleinen privaten Zoo. Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Kaninchen und Zwerghühner „sorgen für ein gutes Gefühl und Seelenheil“. Und wenn das einmal nicht ausreicht, ist unter anderem die Supervision, eine Form der Beratung für Mitarbeiter und Reflexion eigenen Handelns, möglich.

Der Weiße Ring in Stendal sucht Spender und weitere Unterstützer. Auch neue Mitglieder sind jederzeit willkommen. Für die ehrenamtliche Arbeit gibt es eine gewisse Aufwandsentschädigung. Wer sich einbringen möchte, Nachfragen hat oder auch nur mehr Informationen über die Hilfsorganisation wünscht, kann diese Kontaktdaten nutzen:
Manuela Baeß, PF 101208, 39552 Stendal
Tel. 0151/55164650, weisser-ring-stendal@web.de
Landesbüro Sachsen-Anhalt Tel. (0345) 2902520.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare