30 Jahre im Amt: Pfarrer Tobias Eichenberg blickt auf seine Arbeit, seine Passion

Kirche zur Zeit der Wende und heute

Pfarrer Tobias Eichenberg ist seit mehr als 30 Jahren im Amt. Die Musik gehört zu seinem Leben. Schließlich begann seine Karriere als Kirchenmusiker in Dresden. Foto: Klos
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Pfarrer Tobias Eichenberg ist seit mehr als 30 Jahren im Amt. Die Musik gehört zu seinem Leben. Schließlich begann seine Karriere als Kirchenmusiker in Dresden.
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Stendal. Seit etwas mehr als 30 Jahren ist Tobias Eichenberg, Jahrgang 1955, Pfarrer. Vieles hat sich verändert. Die Zeit der Wende hat für ihn den beruflichen Start markiert. Ordiniert wurde er im Jahr 1987.

Im Gespräch mit der AZ erinnert sich der evangelische Pfarrer zurück an die Anfänge im heutigen Landkreis Stendal – im ostelbischen Klietz. Er schaut zudem auf die Gegegenwart des Pfarrbereichs Stendal-Südwest.

Dass das berufliche Leben des Pfarrers im Jahr 1976 in Dresden als Kirchenmusiker begann, ist Eichenberg auch heute noch anzumerken. Orgelspiel, Bläserchor und Chorgesang gehören fest zum musikalischen Gemeindeleben. Dafür muss Zeit sein, auch dafür brennt Eichenberg und ist aus vollem Herzen aktiv – auch mit Frau Christiane und den Kindern. Wenn alles so wohlklingend wäre, wie die Musik, wäre der Pfarrer in seiner Gemeinde sicherlich vollkommen zufrieden.

Die Bürokratie ärgert Eichenberg

Die heutige Arbeit sei allerdings durch viel Bürokratie geprägt – negativ. „Mit der Reform und der Gründung der Landeskirche wurde versucht, die kirchliche Verwaltung zu optimieren“, sagt er. Dass der Sitz der Landeskirche in Erfurth trotz moderner Kommunikationsmittel weit weg vom Geschehen ist, zeige sich oft in der alltäglichen Arbeit. Man sitze heutzutage mehr an den Papieren und Formularen – von der Arbeitserfassung der Gemeindemitarbeiter bis hin zu Bauanträgen für Kirchensanierungen und Pachtverträgen mit Landwirten – als dass es gut wäre. Das ärgert Eichenberg sichtlich. Er hätte lieber mehr Zeit für die Menschen, die Seelsorge, beispielsweise bei einem Trauerfall.

Ein Blick in die Vergangenheit: Das Jahr 1989 steht zu Buche. Eichenberg ist zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zwei Jahre Pfarrer. Seit wenigen Monaten ist er im ostelbischen Klietz – ein Ort mit Militärgeschichte. Am Heiligen Abend 1989 muss er staunend neue Gesichter in der Predigt feststellen, als NVA-Offiziere am Gottesdienst teilnehmen. Die Zeit der Wende war ohnehin eine spannende Zeit am Anfang seines Berufslebens. Genau erinnert er sich an diese Begegnung mit kirchlich-politischer Ebene: „Ein alter Parteigenosse wollte den Besuch von einem Pfarrer. Er hat mir sein Leben erzählt, sein Herz ausgeschüttet. Ich habe für ihn gebetet. Am nächsten Tag haben wir auf seinen Wunsch Heiliges Abendmahl gefeiert. Er konnte gerade noch die Hostie in den Mund nehmen. Und hat mir zugeflüstert: ,Das ist mein letzter Wunsch, dass viele noch den rechten Weg erkennen, ehe es zu spät wird.’“

Die inneren Probleme der Menschen wachsen

Die Beziehung Kirche und Gemeinde der Wendezeit beschreibt Eichenberg wie folgt: „Die Probleme der Leute waren damals sehr stark materiell. Und sie waren mit der Kirche sozusagen in einer Notgemeinschaft. Wir sind beide – die Leute und die Kirche – vom Staat nicht so sehr bevorzugt, also halten wir zusammen.“ Das war damals, gesellschaftlich, ein kurzer Einblick in die Erinnerung. Der zeitliche Spagat in die Gegenwart zeigt einen großen Kontrast: „Es gibt viel mehr innere Probleme heute. Wo Leute darunter leiden, dass sie nicht gebraucht werden. Oder dass es irgendwo Zoff gibt. Es gibt viele alte Menschen, die Sorgen haben, die auch Sorgen machen. Sich um das Innere von Menschen zu kümmern, braucht mehr Zeit, als etwas zu besorgen.“ Menschen, denen materielle Dinge zu besorgen sind, gibt es bis heute. Hilfstransporte fahren unter anderem in die Ukraine, auch wenn die Zahl der Fahrten geringer ist, als in den 1990er Jahren. Für die Arbeit hier und heute spielt Seelsorge eine wichtige Rolle. Die Arbeit mit der Jugend macht Eichenberg besonders viel Freude. Und zu sehen, dass sich Menschen ehrenamtlich in der Gemeinde engagieren.

Von Alexander Klos

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