„Ich schieß’ doch keinen Problemwolf"

Keiner will Wolf „entnehmen“: Probleme bald auch in der Altmark befürchtet

+
Probleme gibt es derzeit mit der „Entnahme“ des Wolfes. Nicht jeder Jäger traut sich.

Stendal/Altmark – Ein Jäger aus Niedersachsen, der jüngst in der Altmark in Lüdelsen zur Gesellschaftsjagd eingeladen war, brachte es beim Schüsseltreiben (gemeinsames Essen der Jäger mit Plausch) auf den Punkt.

„Ich schieß’ doch keinen Problemwolf, selbst wenn er von den Behörden zum Abschuss freigegeben ist. Da muss man ja nachher Angst haben, dass der Name rauskommt und irgendwelche Tierschutz-Aktivisten einem dann im Wald die Autoreifen zerstechen.“

Kaum jemand will den Wolf „entnehmen“ und selbst dieses verschleiernde Neusprech-Wort für „Erlegen“ sagt schon einiges im aktuellen Umgang mit dem Wolfsproblem aus. .

Jäger trauen sich oft nicht, zum Abschuss freigegebenen Isegrim zu schießen, wenn er Probleme macht. Derzeit diskutieren altmärkische Jäger über dieses Thema Nummer eins in Sachen Wolf, das bald auch im Norden von Sachsen-Anhalt Realität werden könnte: Wenn nämlich der Wolf flächendeckend Ärger macht und früher oder später eingedämmt werden muss. Erst Ende Oktober wurden bei Ahrensbök (Schleswig-Holstein) zwei Schafe gerissen. Schnell stand per DNA-Test der Übeltäter fest.

Problemwolf „GW924m“. Seit diese Problemwölfe nach dem berühmten „Kurti“ nun in Deutschland des Öfteren ihr Unwesen treiben, haben die zuständigen Behörden es längst aufzugeben, ihnen niedliche Namen zu geben. „GW924m“ war in mehreren Landkreisen (auch Mecklenburg-Vorpommern) über mehrere Wochen als Problemwolf zum Abschuss freigegeben. Die Landbevölkerung (Kinder und Familien) zeigte sich beunruhigt, denn mehrfach hatte der Wolf Nutztiere gerissen. An die Jäger erging ein Aufruf, das Problemtier zu erlegen.

Immer online

Der Wolf als Bürokratie-Monster? Wegen äußerst bürokratischer Hürden zeigen sich jedoch nur wenige Weidmänner bereit, zur „Entnahme“ zu schreiten. Denn unter anderem müssen die Jäger ständig im Internet online präsent sein, um zum Beispiel ihr Email-Konto abzurufen, falls plötzlich die Abschussgenehmigung erlöschen sollte, heißt es in Jägerkreisen. Bei Zuwiderhandlungen macht der Schütze sich strafbar und verliert seinen Jagderlaubnisschein.

Drei Merkmale

Das Wolfskompetenzzentrum Iden begleitet fachlich die Wiederansiedlung des Wolfes in Sachsen-Anhalt. Seine zentralen Aufgaben sind in der Leitlinie Wolf festgehalten und umfassen unter anderem das Monitoring (Beobachtung), den Herdenschutz und die Nutztier-Rissbegutachtung. In Deutschland leben derzeit 78 bestätigte Wolfsrudel, etwa zehn Wolfspaare sowie gut ein Dutzend Einzeltiere. Bei jedem Übergriff wird laut Wolfskompetenzzentrum Iden die Situation individuell bewertet. Bei einer Begutachtung wird vor allem auf drei Hauptmerkmale geachtet.

Dies ist zum einen der Kehlbiss. Als zweites wird nach dem Verbleib des Pansens geschaut. In der Regel verschmähen Wölfe den Pansen ihrer Beutetiere und legen ihn unberührt, außerhalb vom Kadaver ab, bevor sie anfangen zu fressen. Das dritte Merkmal ist die Schleifspur. Für Entschädigungs- und auch Förderungszahlungen (Schutzzäune) ist das Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten (ALFF) zuständig.

Wolfssichtungen können über ein Kontaktformular im Internet dem Idener Wolfskompetenzzentrum gemeldet werden. Rund 80 bis 100 Wölfe leben derzeit allein in Sachsen-Anhalt. Es gibt im Land 13 Rudel, elf von ihnen werden über das Kompetenzzentrum Iden betreut. Rund 190 tote Nutztiere in den vergangenen Jahren gehen auf das Konto des Wolfes, zu etwa 280 Begutachtungen wurden die Wolfsexperten hinzugezogen. Auch in der westlichen Altmark hat sich der Wolf in den vergangenen Jahren stark vermehrt. Jäger und Treiber berichten hier bei Gesellschaftsjagden von „Wölfen in fast jedem Treiben“. Seit rund 20 Jahren gibt es wieder Wölfe in Deutschland.

Nach offizieller Darstellung sind die Tiere durch „natürliche Wanderungsbewegungen“ (zuerst Bundes-Truppenübungsplätze) wieder nach und nach ansässig geworden. Nach der Zunahme von Rissen, Sichtungen und Problemen infolge der ansteigenden Population gab es in den vergangenen Jahren immer mehr Wolfskritiker.

VON KAI ZUBER

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare