Keine Krankheit, eher ein Zustand

Helke Werner (r.), Selbsthilfegruppe „Das Leben mit einem betroffenen schwerst Schädel-Hirngeschädigten“, zeigt Dr. Helga Paschke unterlagen zum Seminar.

Bölsdorf - Von Alexander Postolache. Lernen, mit der Situation umzugehen. Das müssen Angehörige, deren liebste Menschen im Wachkoma liegen. In Sachsen-Anhalt ist die Selbsthilfegruppe, die Helke Werner ins Leben rief, einzigartig. Die Gemeinschaft ist für alle wichtig, für Patienten, wie für die, die für die Betroffenen alles Lebenswichtige täglich organisieren.

Wenn ein Angehöriger, der Partner, erkrankt, muss man lernen, sich an diese neue Situation anzupassen. Das Wachkoma sei eigentlich keine Krankheit, sondern ein Zustand, in dem sich jemand befinde. Und dieser Zustand könne verschiedene Stadien haben, wie Helke Werner, Initiatorin der Selbsthilfegruppe „Das Leben mit einem betroffenen schwerst Schädel-Hirngeschädigten“, gestern gegenüber der AZ erklärte.

„Jene Betroffenen, die auf Signale von außen reagieren können, befinden sich in der Aufwachphase“, informierte die engagierte Bölsdorferin. Jedoch könne auch diese Phase lange andauern. Viele Menschen könnten die Zeichen nicht deuten. Doch Helke Werner sieht diese bei ihrem Mann Karlheinz. „Wir kommunizieren über die Augen. Mein Mann kann die Lider bewegen. Und wenn ich ihm sage, dass er die Füße bewegen soll, dann macht er das auch, kann sogar unterscheiden, welche Seite es ist.“ Man soll sich diese Bewegung allerdings nicht im „normalen Maße“ vorstellen, das sei manchmal lediglich das Wackeln mit einem Zeh. Seit Januar 2002 befindet sich Karlheinz Werner in diesem „Zustand“. Ein Herzstillstand war der Auslöser. Er ist 65 Jahre alt.

Seit August gibt es die Selbsthilfegruppe, Helke Werner rief sie ins Leben – einzigartig in Sachsen-Anhalt.

Die Diagnose „Wachkoma“ mache vor keiner Altersgruppe Halt. Und das Geschlecht spiele keine große Rolle dabei. Dies spiegele sich auch bei den zehn Patienten wider, deren Angehörige sich in dieser Selbsthilfegruppe organisieren. „Drei sind wiedererwacht“, so Werner weiter. Diese würden auch ein selbstständiges Leben führen, seien nicht sehr lange in diesem Zustand geblieben. Ein junger Mann aus Gardelegen, der auch wieder erwachte, braucht noch Hilfe.

Oft seien es Unfälle gewesen, manchmal auch Herzinfarkte, die einen Herzstillstand verursachten – die Sauerstoffversorgung zum Gehirn war bis zur Wiederbelebung unterbrochen.

Sich als Angehöriger an die neue Situation anzupassen, sei wichtig. Man müsse von Grund auf lernen, zu pflegen, zu organisieren und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Um solche wichtigen Tipps soll es bei dem Seminar gehen, dass vom 5. bis 7. November in Reinsberg organisiert wird. In einem speziellen Hotel, das für die Behinderungen der Betroffenen ausgelegt ist, werden die Wachkomapatienten und ihre Angehörigen untergebracht sein. 54 Frauen und Männer seien es aktuell, die sich um einen Wachkomapatienten kümmern.

Für die Angehörigen sei es nicht nur wichtig, Wissen bei diesem Seminar mit auf den Weg zurück in den Alltag zu bekommen. Es sei vielmehr auch einmal eine Chance, aus jenem Alltag auszubrechen. „Bei uns darf jeder lachen und jeder weinen und den Alltag, auch wenn es nur für eine Stunde sein sollte, einmal vergessen“, beschreibt es Helke Werner. Doch solche Fahrten sind kostspielig. Aus diesem Grund freute sie sich gestern besonders über den Besuch von der Landtagsabgeordneten Dr. Helga Paschke (Die Linke). Von ihr bekam Werner einen Scheck über 1 000 Euro überreicht, der aus dem Solidaritätsfond der Bundestags- und der Landtagsfraktion stammt. Katrin Kunert (Die Linke), Mitglied des Bundestages, ließ beste Grüße ausrichten und über Landtagsabgeordnete Paschke ausrichten, dass „sie hoffe, dass das Seminar ein Erfolg wird.“

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