Keine „Insel der Glückseligkeit“ – Aber: Keine Ausgangssperren geplant

Stendals Landrat Puhlmann: Enormer Anstieg der Corona-Fallzahlen

Landrat Patrick Puhlmann (SPD) informierte während einer Pressekonferenz am frühen Dienstagnachmittag über die aktuelle Pandemielage im Landkreis Stendal.
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Landrat Patrick Puhlmann (SPD) informierte während einer Pressekonferenz am frühen Dienstagnachmittag über die aktuelle Pandemielage im Landkreis Stendal.
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    vonStefan Hartmann
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Stendal – „Ich möchte an dieser Stelle auch nicht verhehlen: Wir hatten im Zusammenhang mit Covid-19 eine Reihe von Todesfällen im Landkreis Stendal“, erklärt Landrat Patrick Puhlmann (SPD) in den ersten Minuten der Corono-Konferenz am frühen Dienstagnachmittag.

Den Angehörigen wolle er in diesem Zuge auch sein Beileid aussprechen. 14 neue Todesfälle waren zu Beginn der Konferenz im Laufe eines Tages zu beklagen.

Eine „Insel der Glückseligen“ sei der Landkreis seit November nicht mehr. Die Zahlen seien enorm angestiegen, was sowohl Infektionen als auch Todesfälle angeht. Dabei treffe es überwiegend alte Menschen – solche mit Vorerkrankungen. Nur acht der Verstorbenen seien unter 60 Jahre alt gewesen, berichtet Amtsärztin Dr. Iris Schubert. Diese hätten ihren Angaben nach auch eine „gewöhnliche Grippe“ nicht überlebt. Die Belastung, die mit der großen Zahl an Nachverfolgungen und notwendigen Quarantänebescheinigungen einhergeht, überlaste das Gesundheitsamt. „Jeder, der einen positiven Test hat, wird von uns informiert“, macht Schubert jedoch auch klar. Auch die Bescheinigung werde zugestellt, aber bis dies passiere, könne es ein wenig dauern. Um der zusätzlichen Belastung Herr zu werden, soll im Januar das Personal weiter erhöht werden. 80 bis 100 Personen sollen sich ab Januar hauptsächlich mit der Pandemie beschäftigen, berichtete Puhlmann. Dafür seien unter anderem rund 50 Mitarbeiter aus anderen Bereichen abgezogen worden.

Trotz sämtlicher Schwierigkeiten während der Krise sei der schnelle Aufbau des Impfzentrums und auch der Impfstart am Montag ein Erfolg. Bis Menschen, die nicht in Pflegeheimen wohnen, eine Impfung bekommen können, werde es jedoch noch eine Weile dauern. Nach aktuellem Stand, der sich täglich ändern könne, wie der Erste Beigeordnete des Landkreises, Sebastian Stoll, erklärte, werde für einen Anmeldungsbeginn Mitte Januar avisiert. Diese soll dann über die Nummer des Ärztlichen Notdienstes (116 117) erfolgen. Wie es dann weitergehe, hänge auch davon ab, wie viele Impfdosen dem Landkreis zur Verfügung stehen und ob das notwendige Personal vorhanden sei. Bei den bisher 490 Dosen müsse keine Bevorratung für die zweite Impfung erfolgen – diese werde vom Land vorgehalten. Aus der kommenden Lieferung, die voraussichtlich einen vierstelligen Umfang haben werde, solle es dann eine eigene Reserve geben.

„Wir hätten den Impfstoff vor vier Wochen gebraucht“, sagte Schubert. Jetzt seien die Zahlen so hoch, dass die Verteilung schwierig werde. Denn: Man impfe niemals in einen Infektionsherd hinein. Damit könne in den 19 der insgesamt 26 Pflegeeinrichtungen im Landkreis, in denen Infektionen festgestellt wurden, nicht geimpft werden. Die zu klärende Frage sei dabei, ob ein komplettes Haus ausgeschlossen werden müsse, wenn es auf einer Station Infektionen gebe. Die aktuelle Debatte sei, ob einzelne Stationen bewertet und gegebenenfalls geimpft werden können.

Ob der rasante Anstieg der Fallzahlen mit einer möglichen Mutation des Coronavirus, ähnlich wie in Großbritannien, zusammenhänge, sei dem Landkreis nicht bekannt, erklärte Schubert. Das könne mit den Tests des Landkreises aber auch nicht festgestellt werden.

„Ich scheue mich nicht vor unpopulären Maßnahmen“, sagte Puhlmann. Zusätzliche Maßnahmen wie Ausgangssperren würden zwar immer wieder diskutiert, aber seien aktuell nicht vorgesehen. Dass auch so etwas wie eine nächtliche Ausgangssperre eher gegenteilige Effekte haben könnte, erläuterte die Amtsärztin: Wenn jemand regelkonform Freunde oder Verwandte besuche, dann aber nach beispielsweise 22 Uhr nicht mehr nach Hause darf, nehme man vermutlich eine Übernachtung in Kauf. Das erhöhe den Kontakt und die Gefahr einer Infektion eher, als sie zu minimieren. Der Landkreis könne sich nur um die Nachverfolgung kümmern. Bei der Prävention sei die Eigenverantwortung der Bürger gefragt. Ebenfalls weiterhin nicht tätig werde der Landkreis, wie Anja Fischer, Leiterin des Kreisordnungsamtes, erklärte, bei Maskenbefreiungen. In mehreren Fällen sei der Landkreis angesprochen worden, weil Geschäfte Bürgern trotz eines Attestes, das sie von der Maskenpflicht befreit, den Zugang verwehrten. „Das ist Hausrecht“, sagte Fischer. Auch wenn das Attest von der Maskenpflicht befreie, bedeute das nicht, dass damit auch automatisch ein Zutrittsrecht ohne Maske bestehe.

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