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„Kein Arzt arbeitet fehlerfrei“

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„Medizinischer Pfusch kann einfach nicht toleriert werden. Insofern ist es richtig, dass es eine Beweislastumkehr gibt“, sagt Prof. Ulrich Nellessen, Ärztlicher Direktor des Johanniter-Krankenhauses Stendal. © Sternitzke

Stendal. Mit einem neuen Gesetz will die Bundesregierung die Rechte der Patienten stärken.

Unter anderem sieht der in der vergangenen Woche vorgestellte Entwurf vor, dass Ärzte bei schweren Behandlungsfehlern vor Gericht nachweisen müssen, dass ihre Behandlung den Schaden nicht verursacht hat. Die Juristen sprechen in diesem Fall von einer Beweislastumkehr. Die Altmark-Zeitung hat den Ärztlichen Direktor des Johanniter-Krankenhauses Stendal Prof. Ulrich Nellessen befragt, wie sich die Gesetzesänderung auf die Arbeit der Ärzte auswirkt.

Interview

AZ: Herr Nellessen, die Bundesregierung verschärft die Arzthaftung. Was bedeutet die Neuregelung für Ärzte?

Nellessen: Zunächt ist es richtig, dass man die Interessen des Patienten schützt und dass kein Arzt fehlerfrei arbeitet. Medizinischer Pfusch kann einfach nicht toleriert werden. Insofern ist es richtig, dass es eine Beweislastumkehr gibt. Aber wer stellt fest, dass es ein schwerer Behandlungsfehler und nicht schicksalhaft war? Heute kann keiner mehr hinnehmen, dass es bei Krankheiten Schicksal ist, sondern es muss immer einen Schuldigen geben. Und es tut mir leid: Gerade in der Medizin ist der Patient häufig selber schuld. Die Umstände spielen eine wichtige Rolle: Was für ein Patient das ist, wie alt, in welchem biologischen Zustand. Das ist einer der Gründe, warum es immer weniger Ärzte gibt.

AZ: Haben Sie selbst schon einen Fall gehabt?

Nellessen: Noch nie. Wahrscheinlich habe ich einfach Glück gehabt. Ich bin noch nie verklagt worden. Die Gesetzesverschärfung darf jedenfalls nicht dazu führen, dass man schwierige Operationen lieber gleich lässt.

AZ: Wie oft gab es im vorigen Jahr im Johanniter-Krankenhaus Streit über Behandlungsfehler?

Nellessen: Genaue Zahlen habe ich nicht. Der normale Gang der Dinge ist, dass die Beschwerde an die Schlichtungsstelle der Ärztekammer in Magdeburg geht. Die Schlichtungsstelle holt ein auswärtiges Gutachten ein. Der Rechtsweg steht dem Patienten frei.

AZ: Sagt der Patient nicht: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus?

Nellessen: Genau umgekehrt.

AZ: Die Gutachter sind ihren Kollegen gegenüber sehr kritisch?

Nellessen: Ich bin selbst Gutachter. Was die Neutralität des Gutachters geignet ist zu beeinflussen, ist die Tatsache, dass Sie wissen, dass der Patient gestorben ist. Sie wissen, es ist schiefgegangen. Dann sind Sie viel kritischer. Es ist dann Sache des Richters, das wieder geradezurücken. Aber der Richter ist ein Laie.

AZ: Wie wird das Gutachten erstellt? Nur aus Aktenstudium?

Nellessen: Das ist ein reines Aktenstudium. Sie haben die Möglichkeit, den Patient, wenn er noch lebt, zu untersuchen, aber die Zeit hat man gar nicht.

AZ: Wie geht das Johanniter-Krankenhaus grundsätzlich mit Reklamationen hinsichtlich der ärztlichen Leistungen um?

Nellessen: 90 Prozent kann man im ersten Gespräch ausräumen. Der beste Weg, um anwaltlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, ist, dass Sie mit den Leuten reden. Wo man sich nicht einigen kann, bekommt man dann irgendwann ein Schreiben vom Rechtsanwalt, der die Akte haben will. Akteneinsicht gewähren wir jedem.

AZ: Sie sagten, der beste Weg ist, mit den Leuten zu reden. Ist vorher nicht genug geredet worden?

Nellessen: Die Ärzte müssten mehr kommunizieren, aber sie können es einfach nicht schaffen. Die mangelnde Kommunikation entsteht einfach durch den ökonomischen Zeitdruck. Für den Herzkatheter gibt es Kohle, für das Gespräch gar nichts. Sie können nicht zwei Stunden am Tag mit Angehörigen reden.

AZ: Klären die Mediziner ausreichend über Behandlungsrisiken auf?

Nellessen: Jeder Arzt weiß, dass der Staatsanwalt zuerst bei der Aufklärung einhakt. Da sehe ich selbst ein großes Problem, denn Sie müssen so aufklären, dass der Patient keine Angst bekommt.

Interview:

Gerhard Sternitzke

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