Katzenjammer klingt anders

Borstel: 27-Jährige übernimmt Tierheim mitten in der Coronakrise

Ein Schreiben am Eingang weist auf die Schließung. Die Tiere bleiben natürlich nicht allein. Fotos: hertzfeld
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Ein Schreiben am Eingang weist auf die Schließung. Die Tiere bleiben natürlich nicht allein.

Borstel – Anne Mollenhauer muss nicht lange locken und die Katze klettert auf ihren Schoß und lässt sich ausgiebig streicheln. Ein Lieblingstier habe sie nicht. „Ich mag sie alle, Hund und Katze und all die anderen“, sagt die gebürtige Gardelegenerin und lächelt.

Mensch und Tier strahlen in diesem Moment viel Gelassenheit und Ruhe aus. Dabei übernimmt die 27-Jährige das Tierheim in Borstel in einer Zeit allgemeiner Krise. Für das gesamte Team der Einrichtung bedeutet Corona einen Härtetest. „Alle sind gut aufeinander eingespielt und passen sich den Herausforderungen schnell an“, lobt sie im Gespräch mit der AZ schon einmal.

Anne Mollenhauer hat einen ihrer Schützlinge auf dem Schoß. Die 27-Jährige ist die neue Tierheimleiterin.

Seit dem 16. März ist das Tierheim geschlossen. Der Altmärkische Tierschutzverein Kreis Stendal, Träger der Einrichtung, hat die Reißleine frühzeitig gezogen. „Wir müssen an die Mitarbeiter denken, niemand soll sich im Besucherverkehr anstecken. Ihre Gesundheit ist einfach maßgeblich“, betont Vereinsvorsitzende Susanne Wieske. Und ja, natürlich, nur fitte Kollegen können sich um die aktuell 32 Katzen, 30 Hunde, sieben Kaninchen und den einen Nymphensittich kümmern. Von der Kapazität her sei das Tierheim in der Stendaler Ortschaft das größte in Sachsen-Anhalt. Dazu gehört ein Katzenhaus in Osterburg.

Susanne WieskeVereinsvorsitzende

Mollenhauer kennt sich auf dem früheren LPG-Gelände schon ganz gut aus. Seit Monatsbeginn ist sie die Leiterin und hat das Zepter von Antonia Freist erhalten, die Stendal aus privaten Gründen verlassen werde. „Ich wollte schon früher immer Tierpflegerin werden“, berichtet die neue Chefin. Im Tierschutz ehrenamtlich aktiv sei sie seit fast zehn Jahren. Nach dem Abitur absolvierte sie im Tierheim in Gardelegen ein Freiwilligenjahr und blieb der Einrichtung weiter verbunden. Sie lernte Industriekauffrau, verdiente Geld und studierte Sprachen, die Bachelorarbeit steht noch aus.

Der Studiengang heißt mehrsprachige Kommunikation und umfasst größere Weltsprachen. Dass die junge Frau auch die Sprache der Tiere versteht, davon ist Vereinsvorsitzende Wieske fest überzeugt. Die Abgabe von Tieren läuft dieser Tage allenfalls auf Sparflamme, laufende Vermittlungen in ein neues Zuhause werden abgeschlossen. Das Team besteht aus fünf Vollzeit- und drei Teilzeitkräften, zwei Auszubildenden und einer Helferin im Freiwilligen Ökologischen Jahr. Die Arbeit muss koordiniert werden, auch wenn das Tierheim wegen Corona bis auf Weiteres dicht ist.

Dass der Virus so ohne Weiteres von Mensch auf das Tier übertragen werden kann oder umgekehrt, dafür gebe es übrigens keinerlei Belege. Niemand müsse also daheim Angst vor seinem tierischen Liebling haben, unterstreicht Wieske, die schon seit einigen Jahren im Tierschutz mitmischt und im Mai 2019 den Vorsitz übernommen hat. Der Verein zähle ganz genau 200 Mitglieder, ein solides Fundament, nicht mehr und nicht weniger. Über Geld, Futter und andere Sachspenden freut man sich nach wie vor. Das Tierheim bleibt erreichbar unter Tel. (03931) 216363 und die anderen Kanäle.

Stendalerin Mollenhauer verweist auf die Hausseite im Internet. Wer möchte, kann auch eine E-Mail schreiben an info@tierheim-stendalborstel.de. „Wir sind nicht aus der Welt“, meint die Leiterin. „Und wollen nicht vergessen werden“, ergänzt die Vereinschefin aus Tangermünde und lacht. Der gesamte Verein, 1991 gegründet, hoffe, dass das Tierheimfest am ersten Juliwochenende stattfinden kann. Es wäre die 29. Auflage. „Es wird wie geplant über die Bühne gehen“, zeigt sich Wieske zuversichtlich. Wenn doch nicht, soll es im Herbst so weit sein.

VON MARCO HERTZFELD  

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