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Johns-Traditionschor Stendal verstummt

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Von: Marco Hertzfeld

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Chorleiter und Komponist Lutz-Ingomar Johns sitzt daheim in Stendal an seinem Flügel.
Lutz-Ingomar Johns verliert sich am Flügel in Gedanken. Der 81-Jährige hat das musikalische Leben in der Altmark mitgeprägt. Über Jahrzehnte hinweg leitete er verschiedenste Chöre im Landkreis Stendal. © Marco Hertzfeld

Der Johns-Traditionschor in Stendal verstummt. Das Ensemble löst sich im Februar 2022 auf. Damit endet auch eine mehr als 100-jährige Tradition von Chorleiterin der Familie Johns. Die Gründe sind vielfältig, auch Corona spielt hinein.

Stendal – Der Flügel steht gleich an der Tür, ein Notenständer daneben zeugt von einem breiten Repertoire, das Bücherregel ist reich an Musizi dieser Welt. Lutz-Ingomar Johns will sich in dem Moment nicht so recht auf die Couch setzen, Ehefrau Edith mahnt ihn liebevoll. Die Nachricht geht beiden nicht besonders leicht über die Lippen. „Doch ja, es stimmt, wir hören auf“, sagt der Stendaler. Der Johns-Traditionschor löst sich auf, offiziell zum 23. Februar, dem Gründungsdatum von vor 15 Jahren. Damit endet auch eine ganz andere Ära für Stendal und die Region, die der Familie, schon sein Großvater und Vater waren bekannte Chorleiter. 110 Jahre Leben für die Musik und Tradition haben ein Ende. Das Alter spiele eine Rolle, die Gesundheit ebenfalls und natürlich diese verflixte Coronazeit.

Gruppe gehen Mitglieder aus

Wo anfangen, wo aufhören, was hervorheben? Großvater Fritz Johns gründete 1912 den Röxer Männergesangsverein „Treue“. Daraus entstand 1947 die Singgemeinschaft Stendal-Röxe. Sein Sohn bekam denselben Vornamen und die Musikalität in die Wiege gelegt, erwachsen sollte er erfolgreich komponieren. Auf selbst geschriebene Lieder mit Bezug zur Heimat kann auch dessen Erbe verweisen, im Juni wird er 82 Jahre, Kinder und Enkel hat er keine. Ein gutes halbes Dutzend Chöre in Stendal, Tangermünde, Arneburg und Kläden dirigierte Johns über die Jahre, einige zeitgleich. Dieser Mann brachte Volkslieder, klassische Stücke, Werke des Vaters und eigene unters Volk. Der gelernte Funk- und Fernmeldemechaniker winkt gerührt ab. „Er ist immer so bescheiden“, weiß die Ehefrau und lächelt.

81-jähriger Leiter vom Land geehrt

Die beiden sind ein eingespieltes Team, das Leben geht weiter. Auch sie liebt die Musik, im Chor führte sie so manchen Solopart. Ein Abschiedskonzert wird es nicht geben. Auch diese Entscheidung trägt das Ehepaar sichtlich schwer. „Wir können uns bei all den Freunden, Weggefährten und Unterstützern nur bedanken“, sagt der Chorleiter in Tradition. Im September 2020 erhielt er für seine ehrenamtliche Tätigkeit die Ehrennadel des Landes Sachsen-Anhalt, allzu zahlreich im Jahr wird diese nicht verliehen. Dass der Deutsche Sängerbund zu einem Jubiläum gratuliert, gehört schon zum guten Ton. Und ja, die Leser der Altmark-Zeitung kürten ihn einmal zum „Mensch des Jahres“. All das und mehr trage er im Herzen, beteuert Johns. Der Vater starb 1998 mit 89 Jahren.

Pandemie setzt zusätzlich zu

Es verstreichen einige Sekunden, auch Stille kann wichtig sein. „Beethoven ist die große Liebe meines Mannes“, sagt die Ehefrau ganz ohne Eifersucht. Vor allem dessen 2. Sinfonie sei so etwas wie ein Dauerbrenner in diesem Haushalt. Johns hielt Vorträge. „Aber Reden halten, großen Reden halten, das ist lange her und eigentlich nicht meins“, schiebt der 81-Jährige gleich wieder hinterher. „Er durfte sogar einmal das MDR-Sinfonieorchester dirigieren für einen Beitrag“, berichtet sie. Seit Anfang der 1980er-Jahre leitete Johns Chöre in der Altmark, engagierte sich, übrigens auch in einem Singeklub der Winckelmannschule in Stendal. Singebewegung in der DDR, Ostfolk, er kann das spielend leicht auch geschichtlich einordnen. „Alles hatte seine Zeit und Berechtigung.“

In den Hochzeiten hatte der 2007 gegründete Johns-Traditionschor mehr als 20 Mitglieder. Über die Jahre wurden es immer weniger, der Altersdurchschnitt liegt längst bei über 70. „Dass wir auf Deutsch singen, war uns immer wichtig.“ Wichtig sei ihm auch, wenngleich mit Augenzwinkern: „Ich bin ein waschechter Röxer und kein Stendaler.“ Was aus dem Chorleben im Landkreis Stendal, aus den Strukturen insgesamt wird, muss sich zeigen. Corona setzt den Ensembles weiterhin zu, Veranstaltungen fallen reihenweise aus. Selbst noch einmal vor Publikum zu treten, sei einfach nicht drin. „Wir sind nun einmal auch ein Laienchor und konnten lange nicht mehr so richtig proben“, gibt Johns Frau auch zu bedenken. Fast 200 Lieder studierten die Sangesfreunde über die 15 Jahre verteilt gemeinsam ein.

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Sangeskultur 2022 / Der richtige Ton fehlt doch längst:
Das Aus des Stendaler Johns-Traditionschors hat mehrere Gründe. Doch Corona und all die Beschränkungen seit Monaten spielen irgendwie hinein. Zumindest macht dieses Virus auch einen würdigen und so verdienten Abschied auf der Bühne letztendlich unmöglich. Stadt und Landkreis sollten nicht erst dieser Tage um ihre kulturelle Vielfalt fürchten. Schon länger leiden Chöre und Singgemeinschaften in Ostaltmark und Elb-Havel-Winkel unter schwindenden Mitgliederzahlen. Die Pandemie verschärft das Ganze. Ideen sind gefragt, Konzepte müssen her, und zwar schnell. Sonst könnte eine ganze Sparte weiter ausgedünnt oder gar verloren gehen. Wie viel davon ein Einzelner zum Glücklichsein auch brauchen möge, Kunst und Kultur gehören einfach dazu. Es wäre sonst allzu still und arm dazu. Im Tanach heißt es so einfach wie weise: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

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