Beachtliche Erfolge / Die Wut beherrschen

20 Jahre Anti-Aggressions-Training in Stendal

+
Abstand halten: Thomas Lohan (r.) zeigt im Jugendfreizeitzentrum Mitte, wie Anti-Aggressions-Training geht.

Stendal – Thomas Lohan baut sich drohend vor seinem Kontrahenten auf und fasst ihm an die Schulter. Der andere dreht sich zur Seite und hebt den Arm, um den Angreifer auf Abstand zu halten.

Prompt verliert die Situation an Brisanz – das spüren alle rund 50 Besucher im Jugendfreizeitzentrum Mitte.

Dort feierte das Anti-Aggressions-Training des Vereins für Straffälligenbetreuung und Bewährungshilfe sein 20-jähriges Bestehen. Die Initiatoren könnten stolz sein, sagte Sachsen-Anhalts Justizministerin Anne-Marie Keding.

Der Vorstandsvorsitzende Martin Hein begrüßte unter anderem hochrangige Gäste aus Justiz, Polizei und Politik. Mehrere hundert Jugendliche – pro Jahr zwischen zehn und fünfzehn, überwiegend Jungen – hätten das Training durchlaufen. Über die Hälfte derjenigen, die über eine Bewährungsauflage kamen, sei danach nicht mehr mit Gewalttaten aufgefallen. Hein dankte dem Land, der Stadt und dem Kreis Stendal sowie dem Altmarkkreis Salzwedel für die Finanzierung des Projekts. Dank ehrenamtlicher Organisation kostet es nur rund 11000 Euro im Jahr.

Ministerin Keding würdigte besonders das Durchhaltevermögen des Vereins über die „Anfangseuphorie“ hinaus. „Straffällige Jugendliche haben doch eine Lobby“, freut sich die CDU-Politikerin. Es handle sich um junge Bürger „aus der Mitte der Gesellschaft“, die häufig selbst Gewalt von Seiten ihrer Eltern erlebt hätten.

Gerade in Sachsen-Anhalt wachse die Angst vor Gewalt, obwohl die Kriminalität laut Statistik zurückgehe, sagte Keding. Möglicherweise würden die Taten stärker wahrgenommen als in Zeiten, in denen es normal gewesen sei, dass ein Dorffest „aus dem Ruder läuft“.

Landrat Carsten Wulfänger dankte dem Verein für „Umsicht, Weitsicht“ und Engagement. Er sagte ebenso weitere Unterstützung zu wie Stendals stellvertretender Bürgermeister Axel Kleefeldt.

Rainer Mählenhoff, Vorsitzender des Arbeitskreises Prävention/Kinder- und Jugendkriminalität, nannte mentale Grenzenlosigkeit als gesellschaftliches Hauptproblem, das junge Menschen aus der Bahn werfe. Sie müssten lernen, ihre Wut zu beherrschen. Das Projekt habe seinen Erfolg im Wesentlichen Thomas Lohan zu verdanken. Der Cheftrainer, seit 2006 dabei, gelte als „Mann aus Stahl“. Junge Gewalttäter hätten Respekt vor ihm.

Gemeinsam mit einem Klienten demonstrierte Lohan Szenen aus dem „Aggressions-Steuerungs-Training“. Diese Bezeichnung umschreibe das Ziel besser. Aggressionen seien grundsätzlich durchaus sinnvoll. „Man braucht sie, um sich durchzusetzen und abzugrenzen.“

14- bis 18-Jährige mit Gewaltproblemen können fast jederzeit in das kostenlose Angebot einsteigen. Das wöchentliche Training dauert ein Dreivierteljahr und umfasst auch Sport und Erlebnispädagogik. Nähere Informationen erhalten Interessierte unter Tel. (03931) 5 89 84 23.

VON KAREN WERNER

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare