1. az-online.de
  2. Altmark
  3. Stendal

Jagd auf Nutria: Stadt Stendal sieht keine fette Beute

Erstellt:

Von: Marco Hertzfeld

Kommentare

Ein Parkbesucher in Tangerhütte füttert eine junge Nutria mit einer Karotte.
Fast handzahm lässt sich eine junge Nutria vor einiger Zeit am Teich des Tangerhütter Parks füttern. Ähnliche Szenen sollen sich regelmäßig in Stendal am Stadtsee und entlang der Uchte abspielen. Die Stadtverwaltung will momentan kein größeres Aufkommen ausmachen. In der Tat scheint die Population dieser Tage zumindest überschaubar. © Marco Hertzfeld

Die Nutria kann in Stendal ungefährdet ihre Bahnen ziehen. Fallen werden auch in absehbarer Zeit nicht aufgestellt. Die Stadt sieht momentan auch einfach keinen Handlungsbedarf. Der Deutsche Jagdverband macht sich derweil republikweit Sorgen.

Stendal – Die Nutria hat ihren Kopf ganz offensichtlich aus der Schlinge. „Es sollten ja Lebendfallen installiert werden“, erinnert Susanne Hellmuth. „Diese müssten jedoch von besonders geschulten Jägern mehrmals täglich geleert werden. Bisher hat sich noch kein Jagdausübungsberechtigter gefunden, der dies durchführt. Es hat also keine ,Jagd’ stattgefunden.“ Das Wort Jagd setzt die Rathaussprecherin in Anführungszeichen. Und überhaupt: „Momentan besteht in unserem Stadtgebiet auch kein akuter Handlungsbedarf.“ Vor fast genau einem Jahr hatte die Ankündigung der Stadt, dem zugewanderten Großnager nachstellen zu wollen, Proteste gerade in sozialen Netzwerken ausgelöst.

Weidleute meiden örtlichen Auftrag

Die ursprünglich in Südamerika beheimatete Art breitet sich in der Republik rasant aus. Während die Stadt Stendal die Fallenjagd in ihrem Gebiet mindestens erst einmal weiter auf Eis legt, finden sich für weitläufigere Flächen in übriger Ostaltmark und Elb-Havel-Winkel offenbar regelmäßig Jäger. Allein 2020/21 sind laut Landkreis 3786 Nutrias erlegt worden, noch einmal mehr als in den Saisons davor. „Die Population nimmt nach unserer Einschätzung stetig zu“, hatte es eine Sprecherin erst Ende August für die Landkreisbehörden auf den Punkt gebracht. Der Deutsche Jagdverband (DJV) sieht die Ausbreitung der invasiven Art, also der nicht heimischen Wildart, mit Sorge.

Landkreis meldet steigende Zahlen

Wer es nicht gut mit der Nutria meint, verweist auf Schäden an Gräben, Böschungen, in Feldern. Durch Fraß an Uferpflanzen soll die Art nicht zuletzt auch Lebensräume seltener einheimischer Tiere einschränken. Nutriafleisch steht längst nicht mehr in dem Maße auf dem Speiseplan mancher Menschen und auch das Fell scheint nicht besonders begehrt. Verdrängen lasse sich die auch Biberratte genannte Nutria wahrscheinlich nicht mehr, resignieren Naturschützer. 2020/21 haben Jäger deutschlandweit erstmals mehr als 100.000 Exemplare erlegt. Die meterlangen Höhlensysteme der Nutria destabilisierten Deiche und Dämme, hat ein DJV-Sprecher vor einer Woche in der Zeitung gewarnt.

Verband mit Sorge über invasive Art

Aus dem Rathaus kommen auf AZ-Nachfrage eher entspannte Töne. „Bei regulären Streifengängen der Stadtverwaltung wurde keine erheblich gestiegene Nutriapopulation festgestellt. Auch größere Schäden entlang der Uchte oder am Stadtsee konnten nicht festgestellt werden.“ Zur Erinnerung: Mehrere Dutzend Tiere bevölkerten Uchte, Stadtsee, Schwanenteich und verschiedenste Wassergräben, davon zeugen auch Aufnahmen in Zeitungen und sozialen Netzwerken. Das noch recht junge Fütterungsverbot wollte sich nicht so recht durchsetzen lassen. Im März schoss die Tierrechtsorganisation Peta scharf gegen die Jagdpläne der Hansestadt. Die Organisation gerät ob ihrer Kampagnen selbst immer wieder einmal in die Kritik.

Die Nutria kann sich landesweit zu einem Politikum auswachsen, die Jagd auf den mitunter handzahmen Nager spaltet bereits die Meinungen. Bei dem aktuellen Schlaglicht und der Handlungsbewertung für Stendal baut die Rathaussprecherin offenbar auch lieber vor. „Dies ist allerdings nur eine Einschätzung: Es ist keineswegs Aufgabe der Stadtverwaltung, die Entwicklung der Population oder deren Temperaturempfindlichkeit systematisch zu begleiten oder zu überwachen.“ Inwieweit es für die Nutria wieder enger werden kann, bleibt abzuwarten. Zum besseren Verständnis: Bei der sogenannten Lebendfalle ist das Ende nah, der Jäger nimmt die Nutria im Käfig mit und tötet sie anschließend.

Kommentar
Von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Strategie aller fehlt
Großnager kleingeredet:
Wo ist die Stendaler Nutria? Vielleicht sind ihr die zugesteckten Leckerli einfach nicht mehr delikat genug. Womöglich streicht ihr der Mensch einfach allzu oft übers Fell. Möglicherweise hat es sie auch nach Tangerhütte, Osterburg oder Seehausen gezogen, wo der Winter durch den Klimawandel ja noch milder sein soll. Oder ganz böse: Der Wolf hat sich die Nutria geholt. Wer den Großnager aus Südamerika nicht auf die leichte Schulter nimmt, dürfte nur noch mit dem Kopf schütteln. Wie mit den sogenannten invasiven Arten umzugehen ist, dazu fehlt es Stadt und auch Landkreis ganz offensichtlich nach wie vor an Strategie. Nutria, Waschbär, Mink und Marderhund setzen der heimischen Flora und Fauna zu. Das Feld muss ja nicht gleich allein den Jägern überlassen werden. Ein stärkerer Schulterschluss untereinander und mit den Naturschützern wäre zumindest eine Ansage.

Auch interessant

Kommentare