Von Woche zu Woche

Heym hat recht, Luxemburg auch

Seit diesen Tagen vor 25 Jahren verbinden wir in Ost und West den „aufrechten Gang“ nicht mehr ausschließlich mit der Evolutionsgeschichte. Aufrecht auf zwei Beinen sind die DDR-Bürger schon immer gegangen.

Was der Schriftsteller und DDR-Kritiker Stefan Heym meinte, als er am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz sagte: „Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen“, beschrieb den Wunsch nach ungeahnter Freiheit. Heym zitierte diesen Satz aus dem Brief eines Lesers an ihn. Er fand, dass der Mann recht hat.

Freiheit ist keine Floskel. Freiheit ist ein großes Wort.

Meinungsfreiheit. Dafür bin ich 1989 auf die Straße gegangen. Ich wollte meine Meinung sagen dürfen. Wir vom Neuen Forum waren so euphorisch, auf Flugblättern unsere Meinung sagen zu können – die die damalige SED-Zeitung natürlich nicht gedruckt hat. Aus dem Groll darüber haben wir die erste unabhängige Zeitung der DDR, die Altmark-Zeitung, gegründet. Wir haben SED-Unrecht aufgearbeitet, Stasi-Machenschaften aufgedeckt. All das gesagt, was vorher nicht ging.

Ich war damals 22 Jahre jung, gerade mit dem Studium fertig. Eigentlich wollte ich Ärztin werden, aber weil ich kein Kind aus einer Arbeiterfamilie war, Schwierigkeiten hatte, mich anzupassen, und meine Eltern nicht in der „Partei“ waren, wurde nichts daraus – obwohl meine Schulnoten es hergegeben hätten. Nun gut, die Zensur in „Betragen“, die es in der DDR ja tatsächlich gab, verschweige ich hier lieber. Traktoristin könnte ich werden, sagte man mir.

Schließlich studierte ich, ohne von Haus aus irgendeinen Bezug dazu zu haben, Landwirtschaft.

Ich konnte Traktor und Mähdrescher fahren, Kühe melken – und gehörte zu den Gründern einer Zeitung. War das naiv, blauäugig? Nein, es war dieser einmaligen Situation, dieser Revolution, diesem unbändigen Wunsch und Kampf nach Meinungsfreiheit geschuldet.

Am Tag des Mauerfalls war ich gerade im Praktikum. Ich ging arbeiten, ich war so erzogen worden. Wenn ich nicht krank bin, gehe ich arbeiten. Hatte ich nun keinen „aufrechten Gang“, weil ich fast die Einzige in meinem Betrieb war? Hatten alle anderen Rückgrat, weil sie die Arbeit Arbeit sein ließen und in den „Westen“ fuhren?

Ich verbinde den „aufrechten Gang“ in erster Linie damit, meine Meinung frei sagen zu dürfen. Das habe ich mit der Wendezeit gelernt. Auch wenn die Meinung anderen nicht passt. Es ist ja auch „meine“ Meinung. Wenn wir in diesen Tagen über den „aufrechten Gang“ reden, sollten wir uns das vielleicht mal wieder ins Gedächtnis rufen. Denn manchmal glaube ich, dass Meinungsfreiheit heute falsch verstanden wird.

„Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“, hat die Marxistin Rosa Luxemburg gesagt bzw. geschrieben. Uns DDR-Bürgern hat man den Marxismus-Leninismus eingebläut. Einige haben ihn verinnerlicht und gelebt, andere toleriert und geschwiegen, wenige rebelliert gegen eine aufgezwungene Meinung. Nicht weil man nicht rebellieren wollte, sondern weil man allein nicht konnte. Rebellion war nur in der Masse möglich, wollte man schlimmen Repressalien entgehen.

Das hohe Gut der Meinungsfreiheit ist für mich eine der wichtigsten Errungenschaften der Wende. Man muss andere Meinungen nicht teilen, wichtig ist, eine Meinung zu haben und andere Ansichten zu akzeptieren bzw. zu respektieren.

Stefan Heym hat recht behalten. Wir haben den „aufrechten Gang“ gelernt. Und Rosa Luxemburgs berühmter Satz ist ein Appell an die Toleranz, der gerade in der Demokratie aktueller denn je ist.

Von Ulrike Meineke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare