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Herrenlosen Drahteseln in Stendal droht das Aus

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Von: Marco Hertzfeld

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Ein Fahrrad mit plattem Reifen steht nahe dem Bahnhof Stendal.
So dürfte das Elend häufig beginnen, Speichen sind verbogen, die Luft ist aus dem Reifen. Das Ordnungsamt der Hansestadt will die Fahrradparkanlage am Bahnhof im Auge haben. Immer wieder einmal wird demnach ausgemistet. © Marco Hertzfeld

Herrenlose Fahrräder vorm Bahnhof in Stendal sind ein Problem. Und: Die Stadt muss ganz genau hinsehen und setzt nun Fristen.

Stendal – Diesem Fahrrad fehlt allein das Vorderrad, seinem Nachbarn gleich der komplette Satz. Ein paar Schritte weiter scheinen gleich mehrere Drahtesel aus der Zeit gefallen und schon Ewigkeiten nicht mehr bewegt. Ja, auch eine Klingel kann rosten und ein Sattel schimmeln. Wer das Fahrrad an sich liebt, dem kann an der großen Abstellfläche am Hauptbahnhof in Stendal schnell einmal das Herz bluten. Scheinbar und tatsächlich herrenlose Vehikel stellen die Stadtverwaltung immer wieder vor Herausforderungen. „Momentan stehen 30 Fahrräder oder Teile von Fahrrädern in den Fahrradständern, bei denen von einer Besitzaufgabe ausgegangen wird und die in Kürze eine Kennzeichnung erhalten werden“, teilt Stadtsprecherin Susanne Hellmuth auf Nachfrage der AZ mit.

Fahrrädern nahe dem Bahnhof Stendal fehlen die Räder.
Regelrecht niederzuknien scheinen diese Exemplare in Stendal. Ihnen fehlen für den Einsatz entscheidende Teile. © Marco Hertzfeld

Für Kandidaten tickt die Uhr

In Spitzenzeiten sind 100 Fahrräder und mehr dort geparkt. Ein Dach schützt vor Wind und Wetter, auch Boxen können genutzt werden. Gleich daneben starten und stoppen Busse, einen Steinwurf weiter sind es die Züge im regionalen und überregionalen Verkehr. Ein größerer Pkw-Parkplatz befindet sich in Reichweite, Taxis warten am gut 150 Jahre altem Bahnhofsgebäude. Mobilität in den verschiedensten Formen, die Schnittstelle einer 42.000-Einwohner-Stadt. Die Fahrradparkanlage und die frei zugänglichen Fahrradständer vor dieser Anlage gehören zum öffentlichen Raum. Somit ist die Hansestadt Stendal auch verkehrssicherungspflichtig. Im Klartext: Die kommunale Ordnungsbehörde muss ein Auge auf die Drahtesel haben. Und dabei spielt der Faktor Zeit eine nicht unwesentliche Rolle.

Rathaus: Diebesgut schwer erkennbar

„Der Stadtordnungsdienst stellt das Vorhandensein herrenloser Räder sowohl im täglichen Streifengang als auch durch direkte Informationen anderer Fachämter oder Bürger fest.“ Offensichtlich aufgegebene Fahrräder werden markiert und erhalten einen schriftlichen Hinweis, wie mit den Rädern verfahren wird. Melden sich die Besitzer nicht binnen der vorgegebenen Frist, werden diese Drahtesel der Entsorgung beziehungsweise Verwertung zugeführt. „Die Frist zwischen Ankündigung und Entsorgung beträgt in der Regel drei Wochen“, führt die Rathaussprecherin nach Rücksprache mit dem Fachamt weiter aus. Wie viele verwaiste Vehikel allein am Bahnhof im Jahr so zusammenkommen, lässt sich offenbar nicht genau sagen. Eine Statistik führe die Stadt darüber schlichtweg nicht.

Online-Fundbüro: Auktion im Herbst

Unerheblich dürfte die Zahl nicht sein. Mitunter ähnelt der Bereich stellenweise einem Fahrradfriedhof oder Ersatzteillager. Weil nicht jedes ungepflegte Bike gleich herrenlos ist, muss das Ordnungsamt genau hinschauen. „Wenn wir von herrenlosen Rädern sprechen, sind das Räder, die aufgrund ihres Zustands nicht mehr fahrbereit und nicht verkehrstauglich sind“, erläutert Hellmuth. „Durch die auffällige Kennzeichnung dieser Räder haben die Besitzer aber dann noch mindestens drei Wochen Zeit, das Rad selbst zu entfernen beziehungsweise Kontakt mit der Hansestadt Stendal aufzunehmen.“ Dass damit automatisch Missverständnisse und nachträgliche Beschwerden in der Stadtverwaltung ausgeschlossen sind, davon darf wohl nicht ausgegangen werden.

Weil ein Drahtesel schnell einmal den Nutzer wechseln kann, ungefragt, füllt es Polizeiakten. „Die Prüfung, ob es sich im Einzelfall um Diebesgut handelt, obliegt nicht der Stadtverwaltung. Aufgrund des teilweise desolaten Zustands der Räder ist ein Abgleichen mit Anzeigen, die der Polizei vorliegen, in einigen Fällen kaum möglich“, heißt es aus dem Rathaus noch. Ein solches Prozedere „würde außerdem einen nicht zu rechtfertigenden Aufwand bedeuten“. Und an dieser Stelle schon einmal grundsätzlich: „Jeder Radbesitzer hat die Möglichkeit, ein nicht mehr brauchbares Fahrrad kostenfrei einer fachgerechten Entsorgung zuzuführen, in dem er es beim Recyclinghof Stendal in der Osterburger Straße 64 abgibt. Wir wünschen uns, dass die Bürger davon Gebrauch machen.“

Vom herrenlosen Rad ist es nicht weit zum Fundrad oder umgekehrt. Bei einem Fundrad verhält es sich vom Grundsatz her laut Hellmuth so: Finder dürfen dieses Rad behalten, wenn sich der Eigentümer nicht innerhalb von sechs Monaten meldet. Alle Fahrräder, die nach sechs Monaten weder vom Eigentümer noch vom Finder beansprucht werden, können versteigert werden. Die traditionelle Versteigerung ist mit dem Rolandfest nun schon zweimal wegen Corona ausgefallen. „Daher hat sich der Bestand der Fundsachen mehr als verdoppelt.“ Zahlen nennt die Rathaussprecherin hierbei vorerst nicht. Noch das: Derzeit werden alle zu versteigernden Fundsachen für ein Online-Fundbüro vorbereitet. Eine Versteigerung wird voraussichtlich im Herbst stattfinden.

Kommentar
Von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Stadt muss sich abstrampeln / Bikefriedhof schadet:
Es muss einen nicht großartig jucken, wie es in der sogenannten Fahrradparkanlage aussieht. Zumal der Bereich recht abgeschirmt und für sich scheint. Doch natürlich: Es ist wie mit irgendeinem Hinterzimmer in einem Bürohaus, irgendwann schaut doch jemand Fremdes hinein. Und dann sollte es doch zumindest einigermaßen aufgeräumt sein, und das nicht allein wegen irgendwelcher Vorschriften. Der erste Eindruck zählt, gerade am Hauptbahnhof einer Stadt, die noch stärker touristisch punkten möchte. Regelmäßig erinnert die Anlage eher an einen Friedhof oder gar eine Schlachtbank für Drahtesel. Dass bestimmte Fristen zu beachten sind, ist klar und sollte die Stadtverwaltung erst gar nicht ausbremsen.

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