Namensforscher Prof. Dr. Udolph blickt auf die Region und 2000 Jahre zurück

Henning, Mertens & Co. auffallend altmärkisch

Prof. Dr. Jürgen Udolph befindet sich seit 2008 im universitären Ruhestand und betreut keine Studenten mehr. Viel ruhiger sei es seitdem aber nicht geworden. 2011 hat der bekannte Wissenschaftler das „Zentrum für Namenforschung“ in Leipzig mit aus der Taufe gehoben.

Stendal / Leipzig. „Der Ursprung ihres Namens, der sie ein Leben lang begleitet, ist für viele Menschen ein ungelöstes Rätsel. “ Prof. Dr. Jürgen Udolph bringt Licht ins Dunkel.

Der langjährige Professor der Universität Leipzig hat allein in den vergangenen zehn Jahren mehr als 10 000 Namen erforscht. Nach einem Bericht in der AZ über die Familie Magdeburg in Wahrenberg, gut 100 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt, steuerte der renommierte Namensforscher zusätzliche Hinweise bei. Die AZ hat die Chance genutzt und dem gebürtigen Berliner, der vor Kurzem 73 Jahre alt geworden ist, weitere Fragen gestellt.

Interview

Welche Rolle spielt eigentlich die Altmark in der deutschen Namensforschung?

Die Altmark ist aus namenkundlicher Sicht gesehen und im Hinblick auf ihre Ortsnamen ein Grenzland. Wir können mithilfe der Ortsnamen circa 2000 Jahre zurück in die Vergangenheit blicken. Flussnamen wie Elbe, Aland, Ohre sind oft noch älter. Um Christi Geburt besiedeln germanische Stämme das Land. Spuren aus dieser Zeit sind Altenzaun, 1238 als Odentunnen gegründet, worin germanisch „tun“ (Stadt, Siedlung) verborgen ist.

In der Altmark gibt es Orte, die auf -wedel enden wie Salzwedel und Langensalzwedel, in Altmark und Börde auffallend viele Orte mit -leben am Ende: Walsleben, Erxleben, Rathsleben, Haldensleben ... Wie passen diese in die Geschichte?

Auch die -leben-Ortsnamen zählen zur Grenzgeschichte. Wobei sie nicht unser Wort „leben“ enthalten, sondern germanisch „laiba“ für Nachlass oder Besitz. Ebenfalls alt sind die -wedel-Namen, worin ein germanisches Wort für „Furt“ enthalten ist. Seit dem 7. / 8. Jahrhundert erreichen slawische Stämme das Land. Es sind nicht wenige Ortsnamen, die auf diese Zeit zurückgehen. Aus dem Kreis Stendal nenne ich hier Beelitz, Bömenzien, Bretsch, Briest, Cobbel, Damerow, Garlipp, Käthen und Köbbelitz. Die deutsche Ostsiedlung, etwa im 11. / 12. Jahrhundert beginnend, assimiliert die slawischen Siedler und führt zu jüngeren deutschen Ortsnamen wie zum Beispiel Fleckengarten, Charlottenhof, Lindhof, Neuhof und Holzhausen.

Welche Besonderheiten weist die Altmark im Vergleich zum Harz und anderen Regionen auf?

Bei den Ortsnamen ist der slawische Anteil höher als etwa im Harzgebiet, auch höher als in den meisten Regionen Niedersachsens, das Wendland einmal ausgenommen. Im Gegensatz zu den Landstrichen östlich von der Altmark ist der Anteil altgermanischer Ortsnamen höher.

Die Altmark hat einige größere Städte, ist aber dennoch eher ländlich geprägt. Wie schlägt sich das in der Namensgebung nieder?

In diesem Punkt kann man keine großen Unterschiede zu anderen Landstrichen erkennen. Man darf ja nicht vergessen, dass Ortsnamen zunächst an kleine Siedlungen vergeben werden – und das waren die heutigen Städte früher auch. Ob ein Ort sich später zu einer Stadt entwickelt, hat nichts mit dem Ortsnamen zu tun, da spielen ganz andere Faktoren eine Rolle. Düsseldorf ist ja namenkundlich ein Dorf.

Nach dem Ersten und vor allem dem Zweiten Weltkrieg sind zahlreiche Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in die Altmark gekommen. Zudem blieben einige fremde Soldaten und Zwangsarbeiter in der Region. So taucht in Osterburg zum Beispiel der Name Timoschenko auf. Was kann ein Namensforscher zu diesen gesellschaftlichen Umbrüchen sagen?

Diese Erscheinungen sind nicht typisch für die Altmark. Man schätzt, dass im heutigen Deutschland circa 14 Millionen Flüchtlinge, Umsiedler und Vertriebene aufgenommen wurden. Der Anteil ist in der Altmark ähnlich hoch wie in angrenzenden Regionen, nur in den westlichen Randgebieten Deutschlands und im Südwesten ist er etwas geringer.

Müller, Meier, Schulze seien typische deutsche Namen, heißt es. Gibt es eigentlich typisch altmärkische Namen?

Es existieren regionale Listen von Familiennamen, eine finden sich im Internet: christoph.stoepel.net. Zumeist überwiegen auch hier bei den häufigen Namen die normalen wie Schulz, Müller, Schmidt und so weiter. In der Stöpel-Liste sind etwas auffälliger die folgenden Namen: Henning, Mertens, Nahrstedt, Lemme, Kersten, Wichmann, Gericke und Köhn. Dabei muss die Herkunft bei jedem Namen allerdings sorgfältig geprüft werden, auch, ob die Nennung etwa für den Kreis Stendal wirklich typisch erhöht ist.

Namensforschung scheint auch für immer mehr Privatleute reizvoll. Doch sagen Sie bitte: Womit lässt sich Ihr Name eigentlich erklären?

Udolph ist altgermanisch und hat etwas mit Besitz, Eigentum und Wolf zu tun. Wer sich für Namen interessiert, der sollte sich bei meiner Facebook-Seite prof-udolph.com anmelden. Dort wird fast jeden Tag ein Name diskutiert.

Von Marco Hertzfeld

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