Frauenklinik des Johanniterkrankenhauses setzt auf Betreuung der Mütter

Hebamme statt Babyklappe

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„Die Mütter bleiben in der Regel drei bis vier Tage bei uns“, berichtet Dr. Andreas Neumann, Chefarzt der Frauenklinik. „Und in dieser Zeit haben die Hebammen die Möglichkeit zu beobachten, wie die Mutter mit dem Kind umgeht.“

Stendal. Babyklappen sind umstritten.

Ist es moralisch vertretbar, dass Krankenhäuser Müttern die Gelegenheit geben, ihr Kind anonym in einen Blechkasten zu legen – in der Hoffnung, dass sich das Klinikpersonal um das Neugeborene kümmert? „Der Schutz des Lebens ist für uns das höchste Gut“, hatte der stellvertretende FDP-Landesvorsitzende Marcus Faber aus Stendal argumentiert, der zwei weitere Babyklappen im Norden und Westen der Altmark fordert. Die Altmark-Zeitung sprach darüber mit Dr. Andreas Neumann, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Johanniter-Krankenhauses Stendal.

„Es ist bekannt, dass die Sterberate durch die Babyklappe nicht zurückgegangen ist“, betont der Mediziner. „Aber aus christlicher Sicht ist der Schutz des Lebens das höchste Gut.“ Diese christliche Tradition, der sich auch die Johanniter verpflichtet fühlen, hat eine lange Tradition. Schon 1198 wurde die erste Drehlade für Findelkinder in Rom eingerichtet.

Neumann stellt allerdings in Frage, ob die Babyklappe in der ländlich und kleinstädtisch geprägten Altmark – auch angesichts der Zahlen – die richtige Unterstützung für Frauen in Not ist. Schließlich richte sich dieses Angebot an eine ganz spezielle „Klientel“. Frauen in Notsituationen, die ihre Schwangerschaft verdrängt haben, vor allem Drogensüchtige und Prostituierte. 2011 wurden in den vier Babyklappen in Sachsen-Anhalt elf Neugeborene abgegeben. „Man muss schon extrem einsam und verzweifelt sein, um so ein Angebot anzunehmen“, meint Dr. Neumann.

Die Babyklappe sei ja nicht die einzige Möglichkeit, Mütter in Notsituationen zu unterstüzten. Und sei „das absolut falsche Signal.“ Wenn eine Mutter sich außerstande sehe, für das eigene Kind zu sorgen, könne sie es zur Adoption freigeben. Auch in der Stendaler Frauenklinik entscheiden sich Mütter für diesen Schritt. „Ich habe vor dieser Entscheidung Hochachtung“, sagt Dr. Neumann. Schließlich erspare diese dem Neugeborenen womöglich einen schweren Start ins Leben. Von der Möglichkeit der anonymen Geburt habe in Stendal noch keine Mutter Gebrauch gemacht.

Wichtiger seien die vielen Unterstüzungsangebote innerhalb und außerhalb der Frauenklinik, in der im vorigen Jahr 890 Kinder zur Welt kamen. „Die Mütter bleiben in der Regel drei bis vier Tage bei uns. Und in dieser Zeit haben die Hebammen die Möglichkeit zu beobachten, wie die Mutter mit dem Kind umgeht“, erklärt Neumann. Er versichert: „Wir lassen keine Mutter gehen, wenn wir merken, dass sie mit dem Kind nicht zurechtkommt.“ Bei Bedarf können Familienhebammen Mutter und Kind auch zu Hause unterstützen, so Neumann: „Diese Angebote müssten noch mehr bekannt gemacht werden.“

Von Gerhard Sternitzke

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