Kater Augustus wechselt aus Zoo Eberswalde nach Stendal

Hansestadt bleibt Tigerland

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Eines der letzten Bilder von Buran. Die Raubkatze wurde 15 Jahre alt. Noch ist ihr Platz frei. Fotos: dpa, az-archiv

Stendal – „Der neue Tiger ist zwei Jahre alt und hört auf den Namen Augustus. “ Taina, die Tochter des im März verstorbenen Buran, bekommt Gesellschaft. Der Neuzugang stammt aus Eberswalde und ist nicht der erste von dort für den Stendaler Tiergarten.

Der Koordinator des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) müsse noch zustimmen und ja, die Lage rund um den Coronavirus sollte sich noch einigermaßen beruhigen, teilt Stadtsprecher Armin Fischbach auf Nachfrage der AZ mit. Läuft der Brandenburger erst einmal in seinem Gehege, kann auch wieder über Nachwuchs nachgedacht werden. Das war in den vergangenen Jahren nicht möglich. Ein Foto von Augustus hat Stendal noch nicht und auch in Eberswalde will man auf die Schnelle keines auftreiben.

Der Eberswalder Zoo ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt für seine Tigerzucht. Ein Foto von Augustus liegt in Stendal noch nicht vor, das Bild zeigt ein anderes Tier dort.

Stendal ist Tigerland. Die ersten Großkatzen zogen im Jahr der deutschen Wiedervereinigung 1990 ein. „Den Kater Sascha erhielten wir vom Leipziger Zoo und die Katze aus dem Zoo Eberswalde.“ Sie sorgten für insgesamt vier Nachkommen, das zweite Zuchtpaar Tasja und Buran hatte drei. Immer habe es sich um reinrassige Sibirische Tiger gehandelt, versichert Fischbach. Ein Blick ins internationale Zuchtbuch belege das. Alle Tiger in Tiergärten und ähnlichen Einrichtungen ließen sich so bis zu einem Wildfang zurückverfolgen. Selbst Hybriden, eine Mischung aus Unterarten, seien registriert. Der Tiger stammt ursprünglich aus Asien und ist dort in seinem Bestand stark bedroht.

„Ich kann garantieren, dass es auch in Zukunft Sibirische Tiger in Stendal geben wird.“ Immerhin verfüge die altmärkische Kreisstadt über eine moderne Tigeranlage, die auch weiter genutzt werden solle. „Natürlich spricht auch die hohe Beliebtheit bei den Besuchern für unsere Tiger.“ Und noch einmal: Der Stendaler Zoo leiste einen Beitrag für die allgemeine Artenvielfalt auf dieser Welt. „Sollten wild lebende Exemplare irgendwann doch aussterben, könnten Zoos als Genreserve dienen, um die Optionen für Auswilderung und Repopulation offenzuhalten“, meint der Rathaussprecher. „Je mehr unterschiedliche Tiere gezüchtet werden, desto geringer ist das Risiko von Inzucht.“

Das Gehege lässt sich unterteilen, wurde 2006 errichtet und entspricht laut Stadt nach wie vor allen Standards einer modernen, artgerechten Haltung. „Konkrete Erweiterungen sind derzeit nicht vorgesehen. Geld für nötige oder anfallende Reparaturen ist jedoch stets eingeplant.“ Apropos Geld: „Bislang gab es keine Absprachen über Finanzielles mit dem Zoo Eberswalde. In der Regel sind Halter glücklich, für ihre Abgabetiere zuverlässige Abnehmer zu finden.“ Im Stendaler Gehege könne immer nur ein Zuchtpaar gehalten werden, Nachwuchs müsse zwangsläufig abgegeben werden. Mehr zu den Eigenheiten des neuen Katers Augustus lasse sich sagen, wenn er da sei und sich dann einlebe.

Ein Sibirischer Tiger, auch Amurtiger genannt und die größte lebende Katze der Welt, frisst ausgewachsen pro Jahr mehr als zwei Tonnen Fleisch. „Wir füttern unsere Exemplare mit Rind, Pute, Gänsen, Hühnern und Kaninchen, wofür in den letzten Jahren rund 4500 Euro fällig wurden“, weiß Fischbach. Für die routinemäßigen tierärztlichen Behandlungen wie Wurmkur und Jahresimpfung sind etwa 400 Euro im Jahr vorgesehen. Die Kosten für Buran waren in jüngster Vergangenheit etwas höher, da er zusätzliche Behandlungen brauchte. Irgendwann ging der Tumor an der linken Hinterpfote auf, das Tier litt unter erheblichen Kreislaufproblemen, magerte ab. Die Stadt ließ ihn schließlich einschläfern.

Der Tiger ist im Logo des Stendaler Tiergartens nicht vorhanden, früher war es der Rotfuchs, heute ist es der Bär. „Dennoch hat der Tiger eine große Präsenz in unseren Ansichts- und Werbematerialien“, betont der Rathaussprecher gegenüber der AZ. Für Besucher und gerade Kinder sei es immer sehr beeindruckend, wenn so ein großes Tier auf einen zukommt, und dann noch in dieser gut einsehbaren Anlage. „Big Five ist vielleicht ein zu starkes Wort, aber wenn ich mich festlegen müsste, welche die beliebtesten Tiere sind, müsste ich wohl Tiger, Bären, Wölfe, unsere verschiedenen Affen und natürlich die Erdmännchen nennen.“ Eine Rangfolge sei das aber nicht.

Nur etwa 500 Sibirische Tiger soll es in freier Wildbahn noch geben. „Je mehr nicht verwandte Tiere in Zoos leben, umso sicherer ist der gesunde Fortbestand.“ Taina beispielsweise, momentan noch allein, ist genau vermerkt. Zuchtbücher sind Bestandsregister, die Verwandtschaft, Alter, Standort und Zuchterfolg beinhalten. Das EEP vereinigt Zoos und sonstige Institutionen, die sich der Erhaltungszucht verschrieben haben, und koordiniert die Absprachen untereinander. Stendal ist nicht Mitglied in diesem Großprogramm. „Da wir aber an der Erhaltungszucht mitwirken wollen, muss erst das Ergebnis des Londoner EEP-Koordinators abgewartet werden, ob wir züchten dürfen.“

Anne-Katrin Schulze, Leiterin der Einrichtung am Stadtsee, und Mitarbeiter freuen sich auf Augustus aus Eberswalde. Die weltweite Coronakrise und ihre Auswirkungen auf Stendal hätte dem Team noch einmal bewusst gemacht, was die Arbeit so besonders mache. Fischbach: „Die Annäherung von Tier und Mensch sowie der Abbau von Vorurteilen und falschen Vorstellungen sind hier ganz weit vorne.“ So habe längst nicht jedes Kind ein Haustier. Der Tiergarten zeige nicht allein einheimische Arten, sondern Vertreter vieler Kontinente. „Frei nach der kenianischen Weisheit: Wir werden letzten Endes nur schützen, was wir lieben. Und wir werden nur lieben, was wir kennen.“

VON MARCO HERTZFELD  

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