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Halbstarke, Methusalem und der große Abschied

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Jungkater Max sucht ein richtiges Zuhause. Er war mit zwei anderen Katzen im Wald ausgesetzt worden. Ob es Geschwister sind, kann Astrid Schwabe nicht mit Gewissheit sagen. Foto: Hertzfeld
Jungkater Max sucht ein richtiges Zuhause. Er war mit zwei anderen Katzen im Wald ausgesetzt worden. Ob es Geschwister sind, kann Astrid Schwabe nicht mit Gewissheit sagen. Foto: Hertzfeld

Landkreis / Tangerhütte. „Bleibst du hier!“ Astrid Schwabe kann gerade so verhindern, dass „Max“ ihr durch die noch halb geöffnete Tür der Tangerhütter Auffangstation ausbüxt. Der Kater gehört zu einem Trio Halbstarker, das im Wald ausgesetzt worden war.

Jedenfalls haben das jene Leute gesagt, die es jüngst in die Obhut der Tierschützerin gegeben haben. Insgesamt sechs Katzen tummeln sich momentan in den Räumen, nur ein Bruchteil von dem, was die Tangerstädterin ansonsten betreut hat. Sie hat in den vergangenen Wochen wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um möglichst viele Samtpfoten in liebevolle Hände zu vermitteln. Nach neun Jahren muss die Mutter zweier Kinder andere Prioritäten setzen. Der neue Job in der Altenpflege und die Familie beanspruchen viel Zeit und Kraft. Ob es die Außenstelle des Stendaler Tierheimes auch nach dem 30. November geben wird, das sei noch unklar. Die Stadt überlegt. Die Hoffnungen ruhen auf einer Groß Schwarzlosenerin. Sie könnte die Aufgabe von Schwabe übernehmen.

Als die Tangerhütterin vor fast einem Jahrzehnt gefragt wurde, ob sie sich vielleicht um heimatlose Katzen kümmern wolle, überlegte sie nicht lange. „Im Kindesalter habe ich alles angeschleppt, was ich im Wald gefunden habe. Einmal waren es Frischlinge, ein anderes Mal eine junge Elster. Mit dem Alter kam die Tierliebe in vernünftige Bahnen“, sagt Schwabe und lächelt. Wildtiere waren tabu. Jedes Jahr konnte sie mindestens 40 Katzen in ein neues Zuhause abgeben, 20 weitere kamen nach der Kastration wieder auf freien Fuß. „Wild geborene Exemplare lassen sich nur schwer bändigen.“ Ein wirklicher Härtefall oder sogar Tierquälerei sei ihr im Laufe der Jahre nicht bekannt geworden. Aber natürlich habe es hin und wieder ein erkranktes Tier in der Station nicht geschafft und sei im Katzenhimmel. In den ersten Jahren ihrer Arbeit gab es immer wieder Atempausen, gerade im November, in denen das Katzenasyl nur schwach besetzt war. „Seit vier Jahren aber war es hier durchgehend voll, manchmal sogar richtig proppenvoll“, berichtet die 49-jährige Eisenbahntransporttechnikerin, die nach ihrer Lehre mehr als Bürokauffrau gearbeitet hat. Und der eine oder andere entlaufene Hund kam auch in einem der fünf Räume nahe der Rosa-Luxemburg-Straße unter. In der Regel holte ihn dann der Besitzer ab oder das Tier reiste weiter nach Stendal. Eine Katze blieb oft viel länger.

Mindestens zweimal am Tag schließt Schwabe die Stationstür auf, füttert ihre Schützlinge, säubert Toiletten, Kratzbäume und anderes Inventar. Ohne ihre drei ehrenamtlichen Helfer Heidrun Schöne, Rotraud Buch und Giesa Glebe hätte sie in der Vergangenheit nie einen freien Tag nehmen können, geschweige denn Urlaub. Bestimmte Geschichten werden ihr wohl auf ewig in Erinnerung bleiben, so die von „Peter“, einem introvertierten Kater, der sich lange Zeit draußen mit krankem Fell und ohne richtigem Schwanz durchs Leben schlagen musste. Die Tierschützer päppelten ihn auf, fanden ein richtiges Zuhause, bekamen ihn wieder zurück und hatten beim zweiten Vermittlungsversuch mehr Glück mit den Menschen. Doch starb Peter dann leider an Nierenversagen. Das Schicksal eines anderen, 21-jährigen Stubentigers berühre genauso. Den Methusalem musste eine alte Dame schweren Herzens abgeben, da sie ins Pflegeheim kam. Trotz der Altershürde fand die Katze bei einem anderen Menschen doch noch ihr zweites Glück.

Schwabe will möglichst noch alle restlichen Katzen vermitteln. „Denn wenn sich doch kein Nachfolger findet, möchte ich sie nur ungern in ein großes Tierheim geben. Da ist die Atmosphäre noch einmal ganz anders.“ Wenn es einen Nachfolger gibt, will sie ihn einarbeiten und ihm danach mit Rat zur Seite stehen. Für jede Katze ist eine sogenannte Schutzgebühr in Höhe von 30 Euro und mehr zu zahlen, Tel. (03935) 211916.

Von Marco Hertzfeld

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