Kabale und Liebe in Stendal: Ein emotional erregendes Theaterereignis

Große Gefühlsausbrüche

Verzweiflung und Tod: Alle gesellschaftlichen Schranken scheinen zusammengebrochen zu sein, als Jan Kittmann als Ferdinand und Michaela Maxi Schulz als Luise dem „dritten Ort“, dem Grab, nahe sind.
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Verzweiflung und Tod: Alle gesellschaftlichen Schranken scheinen zusammengebrochen zu sein, als Jan Kittmann als Ferdinand und Michaela Maxi Schulz als Luise dem „dritten Ort“, dem Grab, nahe sind.

Stendal. Der Eröffnung der neuen TdA-Spielzeit, mit neuem Intendanten, sah man voller Erwartung entgegen. Als Regisseur hatte sich Alexander Netschajew Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ ausgesucht.

Und um es vorweg zu nehmen: Die Premiere wurde vor vollem Zuschauerrängen ein umjubelter Erfolg für das neu formierte Ensemble und seinen künstlerischen Leiter. Schillers Drama vom Schicksal zweier junger Menschen, deren Liebe von gesellschaftlichen Intrigen gegenläufiger Natur zerrieben wird, ist auch heute noch von aktueller Brisanz.

Fotostrecke vom Spielzeitauftakt

"Kabale und Liebe" - Spielzeitauftakt im Theater der Altmark

"Kabale und Liebe" - Spielzeitauftakt im Theater der Altmark

Luise, Tochter des bürgerlichen Hofmusikanten Miller, liebt Ferdinand, den adligen Sohn des Präsidenten. Diese Liebe muss ankämpfen gegen Hofinteressen, Standesdünkel und in ihnen geborenen Kabalen. Bürgerliche Tugend steht gegen adlige Machtdurchtriebenheit. Luise kämpft und wird getrieben. Ein furchtbarer Eid bindet sie gegen Ferdinand, dem sie erst durch den Tod entflieht. Alexander Netschajew konzentriert seine Inszenierung klar auf den zentralen Konflikt zwischen Ferdinand (Jan Kittmann) und Luise (Michaela Maxi Schulz). Das Bühnenbild von Mark Späth zeigt nur in Andeutungen, aber klar voneinander abgegrenzt Hof und bürgerliches Milieu. Vater Miller (Mathias Kusche) missbilligt das Zusammensein der beiden und tritt dem Präsidentenvater als stolzer, selbstbewusster Bürger entgegen. Mutter Millerin (Angelika Hofstetter) fühlt sich durch diese Liebe „gebauchpinselt“ und versucht zu beschwichtigen. Das Aufeinandertreffen zwischen Präsidenten (Peter Donath) und Ferdinand, Vater und Sohn, wird zum ersten Kräftemessen, in dem Ferdinand so wild wie heutig – Beine auf den Schreibtisch des Vaters fläzend – reagiert, dass alle traditionelle Patina, die der Gestaltung dieser Figur anhaftet, abfällt. Luise ist die schauspielerische Entdeckung der Aufführung. Die Debütantin, von der Schauspielschule kommend, lässt keine Wünsche offen. Sie sucht gegenüber der Lady Milford (Annett Siegmund) ihrer Würde in der großen Gegenüberstellung mit ihr ebenso zu bewahren, wie sie verzweifelt mit dem aalglatten Intriganten Wurm (Andreas Müller) und dem ihr unbekannten Hofmarschall von Kalb (Martin Olbertz in einer interessanten Charakterstudie).

Große Gefühlsausbrüche, die zu ebenso großen künstlerischen Hoffnungen Anlass geben. Die große Schlussszene beider Liebender spielt sich auf fast leerer Bühne ab. Alle gesellschaftlichen Schranken scheinen zusammengebrochen zu sein. Luise und Ferdinand sind im Tod vereint, der Präsident versucht noch Schuld von sich zu weisen, doch auch ihn wird das gesellschaftliche Urteil erreichen. Die Inszenierung ist zum bedeutsamen emotional erregenden Theaterereignis geworden.

Von Ulrich Hammer

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