Konstantin Wecker und Band begeistern 350 Besucher

Grandios zeitlos

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Konstantin Wecker

Stendal. In nur vier Wochen hat er seine neue CD „Wut und Zärtlichkeit“ geschrieben. In seinen neuen Liedern „hört man den alten Wecker nur auf eine andere Weise“, wie er selbst in einem Interview gesagt hat.

Er wolle nicht zynisch oder sarkastisch sein, doch manchmal bekommt auch ein Konstantin Wecker die Sinnkrise. Mit der er allerdings souverän umgeht. „Ich bin vor 40 Jahren angetreten, die Welt zu verändern. Wenn ich mir heute die Welt anschaue . . . , also ich war’s ned“, ruft er den mehr als 350 Konzertbesuchern am Sonntagabend im Theater der Altmark zu und erntet dafür Lacher, aber auch aufmunternden Beifall.

Überhaupt: Wecker ist grandios zeitlos. Und nicht zu bändigen. Dieser Ur-Bayer, der da angesichts seiner 65 Jahre vor Kraft strotzend auf der Bühne steht, singt und schreit seine Wut auf die Politiker, die Sarrazins der Welt und die Banker hinaus. Es ist seine unbändige Energie, die sich schnell auf das Publikum überträgt, das seine pure Lust an der Musik und Des-Sich-Einmischens spürt. Wecker mischt sich leidenschaftlich ein. Seit Jahren. Und immer noch. Das wissen seine Fans zu schätzen. Apropos Fans: Deren Altersspektrum reichte von 17 bis 70, ein Beweis dafür, dass Wecker immer noch etwas zu sagen hat. Denn es ist nie zu spät für Veränderung. Das zeigen die Atomkraftbewegung oder Stuttgart 21. Für Wecker, der erst spät in seinem Leben zweifacher Vater geworden ist, sind das keine Wutbürger, sondern Menschen, die denken und sich nicht alles gefallen lassen. So flocht er in sein Programm angesichts der geplanten NPD-Demonstration in Stendal auch „Sage Nein!“ aus dem Jahr 1993 ein.

Sein aktuelles Album „Wut und Zärtlichkeit“ spielt er fast komplett, streut aber auch ein paar Klassiker ein: „Es herrscht wieder Frieden im Land“ (1977) und „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ (1976). In einem Arrangement allerdings, das samba-ähnlich klingt und damit erneut die große Musikalität Weckers und seiner Begleiter bestätigt. Bereits 2008 war Wecker Gast in Stendal, damals allerdings „nur“ mit seinem kongenialen Partner Jo Barnikel. Das sonntägliche Gastspiel setzt auf den damaligen Auftritt noch einen drauf. Denn Nils Tuxen (Pedal Steel Guitar, Bass, Gitarre) und Jens Fischer-Rodrian (Gitarre, Schlagzeug) sind kreative, professionelle, aufeinander eingespielte Mitstreiter, die begeistern.

Und das Publikum dankt es ihnen. Da wird getrampelt, gepfiffen, was das Zeug hält. Wecker-Wecker-Rufe sind zu hören, rhythmisches Klatschen, stehende Ovationen: Und oben auf der Bühne steht Wecker, scheinbar überrascht angesichts dieser nicht endenwollender Liebesbekundungen. Dazu passt die emotionale Atmosphäre, in der – wenn Wecker singt „Sterben und aufstehen ist das Wesen der Welt“ – auch die eine oder andere Träne verdrückt wird. Doch wenn er die „Brüste der Kanzlerin“ besingt oder im Bierzeltsound dazu aufruft, „Zieht den Börsianern die Anzughosen aus“, passt das vielleicht nicht immer zu seinen Vorbildern Gottfried Benn, Rainer Maria Rilke, Bertolt Brecht oder Erich Kästner, die er gerne immer wieder zitiert und deren Gedichte und Gedanken in Musik umsetzt; sie machen jedoch den besonderen Reiz der Wecker-Konzerte aus: eben grandios zeitlos. Und zweieinhalb Stunden lang beste Unterhaltung.

Von Arno Zähringer

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