Prof. Kaschade glaubt nicht an einen Fußballgott

Ein Gegenspieler, wie er im Buche steht

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Einen Fußball sucht Prof. Kaschade in seinen Andenken aus aller Herren Länder vergebens. Allein dem Schwimmen kann er Positives abgewinnen: „Im Wasser schwitzt man nicht so.“

Stendal. „Für Fußball interessiere ich mich gleich Null. Es ist einfach nicht meine Welt“, sagt Prof. Hans-Jürgen Kaschade und grient. Seine Geschäftsfreunde können hingegen gar nicht genug davon bekommen. Bislang jedenfalls.

Nur allzu gern folgen sie der Einladung des Unternehmers, Wissenschaftlers und Buchautors in das Berliner Olympiastation. Nach dem Fall von Hertha BSC in die Zweitklassigkeit dürfte das Interesse an seinen VIP-Karten nun merklich nachlassen. Das stört den Niedersachsen mit Zweitwohnsitz in Stendal nicht großartig. Zumal er lange Zeit noch nicht einmal die Spieler unten auf den Rasen richtig erkennen konnte, geschweige denn den Ball. „16 Dioptrien auf beiden Augen – das ist schon verdammt viel. “ Nach einer Operation gegen den grünen Star sieht er jetzt wieder klarer – die Fußballwelt aber immer noch im selben Licht.

Der Professor kennt die beiden Ausrichterländer der Europameisterschaft gut. Einige Jahre nach der politischen Wende auf dem Kontinent baute er das Literaturhilfswerk Stendal auf. Allein in die Ukraine sind mindestens 10 000 Bücher gebracht worden. Auch polnische Schüler, Studenten und weitere an der deutschen Sprache Interessierte profitierten von dem Angebot aus der östlichen Altmark, wenn auch im etwas geringeren Umfang. Sein erster Besuch in Polen liegt fast 30 Jahre zurück. Damals hielt er einen Vortrag in einer Sonderschule.

Prof. Kaschade hat in beiden Ländern Politiker kommen und gehen sehen. Die Diskussion um die inhaftierte ukrainische Ex-Regierungschefin Julija Timoschenko hält er für ziemlich verlogen. „Da läuft momentan im Umgang mit ihr sicherlich nicht alles ganz korrekt, doch sie nun als Demokratin par excellence darzustellen, ist schon bizarr.“ Präsident Wiktor Janukowitsch sei kein Unschuldslamm, Oppositionsführerin Timoschenko aber auch nicht.

„Politik und Sport ist sowieso ein Kapitel für sich.“ Als Deutschland 1954 erstmals Fußballweltmeister wurde, „hat sich bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht wirklich viel geregt“, erinnert sich der inzwischen 71-Jährige. Mittlerweile lasse sich gerade bei den Großereignissen der Eindruck gewinnen, dass „wir in der Wohlstandsgesellschaft auf dem Rasen einen Krieg mit anderen Mitteln führen, einen Stellvertreterkrieg sozusagen“. Die Identifizierung mit einer einzigen Mannschaft sei irgendwie schon fast unnatürlich. „Wir kämpfen nicht mehr selbst, wir lassen kämpfen. Wie schon bei Cäsar im alten Rom“, meint der Erziehungswissenschaftler im AZ-Gespräch bewusst ketzerisch. An einen Fußballgott glaube er jedenfalls nicht.

Von Marco Hertzfeld

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