Staatsanwältin will Wahlfälscher lange hinter Gittern sehen

Landgericht Stendal: Gebhardt drohen fast fünf Jahre Haft

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Urkundenfälschung spielt im Fall Gebhardt keine Rolle mehr. Angeklagt ist gewerbsmäßiger Betrug in 33 Fällen.

Stendal – 20 Monate hatte Holger Gebhardt nun schon Zeit, in der JVA Halle über seine Verfehlungen bei der vorletzten Kommunalwahl nachzudenken.

Eigentlich würde er im April 2020 wieder auf freien Fuß kommen, doch dem verurteilten Wahlfälscher drohen nun weitere Jahre hinter schwedischen Gardinen.

Wegen des gewerblichen Betruges in 33 Fällen, von denen zwei beim Versuch geblieben sind, fordert die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten. In Anbetracht seiner noch abzusitzenden Zeit im Gefängnis ergäbe sich eine Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und 10 Monaten. Folgt die Kammer dieser Empfehlung, ist Gebhardt erst im August 2022 wieder ein freier Mann.

Dabei macht Gebhardt offenbar Fortschritte, wie in einer Einlassung seines Rechtsanwalts am Mittwoch zu hören war. Seit seiner Inhaftierung im Oktober 2017 ging er einer Beschäftigung in der Anstaltsküche nach. Zur Aufarbeitung seiner kriminellen Vergangenheit ging er in die Deliktgruppe der JVA, wo er als „eher unauffällige“ und „unproblematische Persönlichkeit“ eingestuft wurde.

Psychologen bescheinigten dem Stendaler zudem eine „gute Kommunikationsfähigkeit“ und „realistische Zukunftsperspektiven“. Laut Gutachten ist die Wahrscheinlichkeit, dass Gebhardt erneut straffällig werden könnte, gering. Seit August 2018 genießt der 45-Jährige nun die Vorzüge eines Freigängers, darf sich also frei bewegen. Dies zeige, so die Staatsanwältin, „dass er zumindest jetzt bemüht ist ein straffreies Leben zu führen.“

Doch der Grund, warum Gebhardt erneut auf die Anklagebank des Stendaler Landgerichts beordert wurde, ist alles andere als ein Pappenspiel. Im Zeitraum von 2012 bis 2016 soll der Stendaler immer wieder Arztrechnungen gefälscht haben, um sich so die Leistungen seiner privaten Krankenkasse zu erschleichen. Mehr als 100 000 Euro soll er sich so angeeignet haben. Drei der 36 Anklagepunkte wurden schließlich wegen mangelnder Beweislast gestrichen, diese wären aber laut der Vorsitzenden Richterin Simone Hentze-von Staden „angesichts des Tatumfangs sowieso kaum ins Gewicht gefallen.“

Seiner Krankenkasse bleibt Gebhardt nach einer bereits getätigten Teilrückzahlung 85 000 Euro schuldig. Doch nicht nur die steht mit geöffneten Händen vor der JVA. Insgesamt zwölf Gläubiger warteten auf einen Gesamtbetrag von 142 000 Euro, war am Mittwoch zu erfahren. Beschließt die Kammer, dass Gebhardt die Prozesskosten zu tragen hat, kommen weitere Forderungen auf den 45-Jährigen zu.

Wie hoch das Strafmaß letztendlich ausfällt und ob Gebhardt sein Freigänger-Status aberkannt wird, wird sich am voraussichtlich letzten Verhandlungstag am Montag, 1. Juli, entscheiden.  cha

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