Nachnutzung der früheren Müllhalde unklar

Zukunft des Stendaler Deponieberges offen

Deponiechef Christian Ackermann steht auf dem Berg. Im Hintergrund ist Stendal zu sehen.
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Christian Ackermann steht auf dem Deponieberg. Unterhalb sind die Abfallstation und Teile Stendals zu sehen. Hausmüll wird bereits seit mehr als 15 Jahren nach Magdeburg-Rothensee transportiert und in einem Werk verbrannt.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Ideen für die spätere Nutzung der einstigen Mülldeponie gibt es einige. So mancher Stendaler kann sich eine Aussichtsplattform vorstellen oder sieht auch nur einen großen Rodelberg. Landkreis und ALS-Dienstleistungsgesellschaft winken ab, zumindest für die nächsten Jahre oder gar Jahrzehnte.

  • Deponiegas ausgeschöpft
  • Endgültige Stilllegung nah
  • Pflanzinseln in luftiger Höhe

Stendal – Die Pläne für die frühere Deponie in Stendal wachsen nicht in den Himmel. Aber vielleicht lasse sich irgendwann ja doch über eine Aussichtsplattform und andere Freizeitangebote nachdenken. „Ideen gäbe es sicherlich einige und ein Konzept könnte und müsste die Richtung weisen“, will Stefan Feder nicht gleich so manche Wunschvorstellung der Bürger begraben. Wenn überhaupt mehr als die sogenannte Rekultivierung möglich sein sollte, gingen sicherlich noch Jahrzehnte ins Land. Einen extragroßen Rodelberg der Zukunft vermag der Kreisumweltamtsleiter aber auch bei größerer Fantasie momentan nicht zu erkennen. Wenige Tage nach dem Gespräch mit der AZ liegt Schnee auf dem Plateau.

Der Deponiekörper auf dem Areal der Abfallannahme- und Umladestation (AUS) reckt sich immerhin 35 Meter in die Höhe. Mit immensen Setzungen rechnet Deponieleiter Christian Ackermann nicht mehr. Großartig kleiner werde die noch namenlose Erhebung nahe der Osterburger Straße also nicht. „Es handelt sich um einen markanten Punkt in einer ansonsten recht flachen Landschaft“, weiß auch Hendrik Galster, Geschäftsführer der kreiseigenen ALS-Dienstleistungsgesellschaft mit Sitz in Osterburg. Bei besonders guter Sicht könne man vom Deponieberg in Stendal aus zum Beispiel bis nach Tangermünde und Jerichow schauen, ja sogar bis zum Kalimandscharo, der Abraumhalde des Kaliwerks Zielitz.

Blick reicht bis Kalimandscharo

Einen Fingerzeig möge darin aber bitte niemand sehen, sagt ALS-Mitarbeiterin Annett Schröder und lächelt milde. Wer es nicht weiß: Die bis zu 120 Meter hohen Halden im Landkreis Börde werden auch touristisch genutzt, es finden regelrechte Touren dorthin statt. Zudem hat sich auf den Halden, im Volksmund Kalimandscharo genannt, ein Theater seine außergewöhnliche Spielstätte geschaffen. Stendal sei eine Nummer kleiner und sowieso nicht mit der Zielitzer Erhebung zu vergleichen. Was die Bürger in der altmärkischen Kreisstadt nach wie vor einfach Kippe oder Asche nennen, ging 1973 in Betrieb und nahm vieles von dem auf, was in der DDR eben so weggeschmissen wurde.

Auf einer Fläche von 16 Hektar sind etwa zweieinhalb Millionen Kubikmeter Abfall eingelagert. An einigen Stellen arbeitet es noch. Die Deponie sicher in den Ruhestand zu bringen, das bleibt die Aufgabe der ALS. Mehr als zwei Dutzend Grundwasserstellen sind in der Umgebung verteilt. Es gebe aktuell keinerlei Auffälligkeiten und alle Vorgaben würden erfüllt, versichert Galster auf Nachfrage der AZ. Dass es mit dem Gemüse- und Obstbauern gleich nebenan ganz normale Beziehungen gebe, möge ein weiterer Beleg dafür sein. Restmüll durfte seit 2005 nicht mehr unbehandelt abgelagert werden, erlaubt waren kleine Mengen Bauschutt. Der Deponiekörper wurde damit modelliert.

Sande, Böden und Steine sind noch bis 2017 eingelagert worden, einzelne Abdeckungen für das sichere Ende folgten, der „Deckel“, wie es Ackermann nennt, kam 2019 drauf. Der Antrag auf endgültige Stilllegung soll in diesem Jahr beim Landesverwaltungsamt (LVA) gestellt werden. Sei der Antrag abgesegnet, beginne die Nachsorge, die in der Regel an die drei Jahrzehnte umfasse, aber auch geringer ausfallen könne, erläutert Galster. Entsprechend lange bleibe das Areal natürlich auch eingezäunt und für die Öffentlichkeit unzugänglich. Die Deponie mit allem Drum und Dran hat den Landkreis bereits einen siebenstelligen Eurobetrag gekostet. Verwendet wird dafür eine Rücklage, Geld der Gebührenzahler.

Markanter Punkt in Schnee gehüllt

Die Natur ist längst auf dem Vormarsch. Gras wurde ausgesät, andere kleinere Pflanzen haben sich selbst angesiedelt. Die ALS hat einen guten Draht zu einem Schäfer aus der näheren Umgebung. Seine Tiere wirken in der warmen Jahreszeit als natürliche Rasenmäher, treten den Boden fest und düngen ihn. Ein Konzept zur weiteren Landschaftspflege ist derzeit in Arbeit, 2022 soll es konkreter werden. Vier Probepflanzungen nicht zuletzt aus Weißdorn und Buschweiden sind bereits angelegt. Allzu üppig und besonders soll das Ganze allerdings nicht ausfallen. „Es entsteht kein Wald, nun wirklich nicht. Zudem sind exotische Pflanzen tabu“, sagt Schröder.

Das Hinterland der Deponie ist relativ ruhig. Warum sich immer wieder einmal Rehe auf dem Gelände aufhalten, kann Ackermann dennoch nicht mit Gewissheit sagen. Sechs Exemplare kann der 44-Jährige an diesem Tag zählen. Sie laufen auf der Rückseite des Berges dicht am Zaun entlang. Die Rehe seien keineswegs gefangen, das Tor werde regelmäßig geöffnet und der Zaun sei auch kein wirkliches Hindernis für sie. Seit 2019 hat Ackermann in der AUS das Sagen, die Arbeit dort kennt er länger. Das Deponiegas lässt sich nicht mehr für Strom und Wärme nutzen, der Methangehalt ist zu niedrig. Reste werden kontrolliert abgefackelt. 2016 wurde das Blockheizkraftwerk abgestellt.

Besucherplattform derzeit nicht auf dem Zettel

Am Fuße des Abfallberges werden nicht zuletzt Recyclingstoffe angenommen. Inwieweit ein ökologischer Faktor oben wirken kann, bleibt abzuwarten. ALS-Chef Galster unterstreicht noch einmal, dass momentan keine Nachnutzung vorgesehen sei. Die Signale der zuständigen Behörde, des LVA, seien eindeutig. Nicht jede ehemalige Deponie sei auch und gerade für Fotovoltaik geeignet. Die Anlagen könnten sensible Bodenabdeckungen beschädigen. In Stendal komme der Flugplatz Borstel hinzu, der sich ja quasi in Sichtweite befinde, auf jeden Fall müsste ein Blendgutachten erstellt werden. „Auch nur darüber nachdenken lässt sich erst in etlichen Jahren, ja Jahrzehnten.“

Umweltamtsleiter Feder aus Lückstedt sagt nichts anderes und will genauso nicht alles für immer und ewig ausschließen. Vielleicht sei die Solartechnik ja irgendwann so ausgereift, dass sie auch in der Nähe eines Flugplatzes sicher aufgestellt werden könne. Oder womöglich mausere sich das Gelände ja doch zu einer Ausflugsstätte. Der Elb-auenpark in Magdeburg beispielsweise bestehe im Wesentlichen aus einer früheren Kriegstrümmerkippe. Eines der Attraktionen ist eine Sommerrodelbahn, mit Untersetzern geht es in einer Fahrrinne aus Edelstahl den Deponiehang hinunter. „Ich kann mir einiges vorstellen, nur ist die Zeit längst noch nicht reif für konkrete Ideen und nötige Konzepte.“

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