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Flutopfer: Weihnachten im Container

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Sie haben es sich eingerichtet: Gabriele und Dietmar Lippich werden voraussichtlich ein halbes Jahr in einem Wohncontainer des Deut- schen Roten Kreuzes gewohnt haben, bis sie wieder in ihr Eigenheim in Scharlibbe ziehen können. © Postolache

Landkreis Stendal/Scharlibbe. Der Weg mit dem Namen „Mühlberg“ in Scharlibbe ist eine Sandpiste. Sie führt vorbei an Wiesen, Häusern, Nadelbäumen und einem kleinen See. Letzterer ist noch nicht sehr alt.

Er erinnert an jenes Wasser, das durch die Elbe herangetragen, durch den Deich bei Fischbeck im Juni dieses Jahres strömte. Im Mauerwerk des Hauses am Mühlberg mit der Nummer „3“ ist noch ein Rest Feuchtigkeit zu erkennen. Die Maurer haben tolle Arbeit geleistet, verputzen an jenem 18. Juni 2013 gerade die inneren Wände des Einfamilienhauses. Das Ehepaar Lippich wohnt dort, will dort wieder wohnen. Mit dem Einzug wird es allerdings noch ein paar Wochen dauern. Ihr Ausweichquartier, ein Doppelcontainer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), sieht drinnen bereits festlich geschmückt aus, ist gemütlich eingerichtet.

„Ich versuche es weihnachtlich zu machen“, sagt Gabriele Lippich. Sie hat noch nicht alle Deko-Utensilien gefunden. „Es ist heute mein erster freier Tag und ich finde im Stall nicht alles.“ Dort gebe es noch keinen Strom. Die Quelle des Kurzschlusses ist noch nicht gefunden. Aber um den Stall, die Garage und das Waschhaus will sie sich zusammen mit Ehemann Dietmar erst im kommenden Jahr kümmern.

Gekümmert haben sich viele Menschen um jene, die von der Flut betroffen waren und sind. Bei Familie Lippich waren dies in erster Linie die Töchter, die jede freie Minute opferten, nach der Flut einen Wohnwagen anschafften, um die Arbeiten im und am Haus zu begleiten. „Heute bin ich sehr dankbar, dass wir so viel Hilfe erhalten haben.“ Das sei zu Beginn der Aufräumarbeiten anders gewesen, erinnert sich Gabriele Lippich. „Ich stand unter Schock. Mir waren die ganzen Menschen um mich rum zu viel. Ich habe sie angeschrien, wollte sie aus unserem Haus haben.“

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Der Stapel Eichenbalken, der im Sommer als Sitzgelegenheit genutzt wird, war von Wasser umgeben. © Postolache

In diesem Moment im Gespräch mit der AZ klingelt das Telefon. Pfarrer Tobias Eichenberg ist dran. „Herr Eichenberg war, bevor er nach Stendal-Röxe ging, im Bereich Klietz tätig. Zu ihm bestand eine gute Verbindung“, erinnert sich das Ehepaar. In Zeiten der Not wurde der Pfarrer erneut Ansprechpartner. Eine Hilfe, die die beiden sehr gern annahmen. Am Weihnachtsbaum ist eine Karte platziert, die Eichenberg ihnen gab. „Ich will eine Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnt“, steht dort geschrieben. Ein Psalm, der sehr viel Wahrheit in sich birgt. „Nicht jeder möchte Hilfe annehmen. Nicht jeder kann Hilfe annehmen“, meint Gabriele Lippich. Denn nicht jeder habe die Ereignisse verarbeitet, akzeptiert. Deshalb wollen die beiden auch anderen Menschen helfen, denen es schlechter geht. Vielen sei die Gefahr noch nicht bewusst. Nicht nur die Gefahr, die von feuchten Wänden ausgehe, sondern auch die seelischen Folgen, die bleiben, wenn man nicht darüber spricht, Erlebtes verarbeitet, weitermacht.

Dietmar Lippich (59) wollte „die Hütte“ einfach nur verkaufen. Egal, ob das Haus, das sie Anfang der 90er Jahre bezogen, nur einen Tausender gebracht hätte. „Besonders die Gespräche mit anderen Betroffenen haben mir sehr geholfen, die Situation zu verstehen, sie zu meistern und auch anderen zu helfen.“ Dazu ist die 56-Jährige oft ins DRK-Fluthilfe-Zentrum nach Tangermünde gefahren. 70 Zentimeter stand das Wasser an der Fassade des Hauses hoch. Im Inneren waren es rund 30. „Wir hatten gehofft, das Wasser durch Folien und Sandsäcke draußen zu halten“, erklärt Dietmar Lippich. Das Wasser fand seinen Weg ins Haus. Wenigstens sei der Dreck draußen geblieben.

Dankbar sind sie über die Luftentfeuchter, die ihnen der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) zur Verfügung stellte, kostenfrei. Ohnehin habe das Ehepaar über die Verbände sehr viel Hilfe erfahren. Man konnte, da der Wohncontainer vor ihrem Grundstück steht, zügig einen Fortschritt in im Haus erreichen. Auch, wenn sie dieses Weihnachten noch nicht wieder darin feiern können, sind sie dankbar über die Hilfe der vergangenen Monate.

Von Alexander Postolache

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