"Stendal ist mein Hobby"

Als Flüchtlingskind in Stendal: Ehrenbürger Prof. Kaschade feiert heute 80. Wiegenfest

Auch nach Südamerika pflegt Prof. Kaschade (r.) Kontakte. Das Bild zeigt ihn, Prof. Dr. Jutta Weber aus Stendal und einen akademischen Gast aus den Anden.
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Auch nach Südamerika pflegt Prof. Kaschade (r.) Kontakte. Das Bild zeigt ihn, Prof. Dr. Jutta Weber aus Stendal und einen akademischen Gast aus den Anden.

Stendal – „Warum ausgerechnet Stendal?“ Prof. Hans-Jürgen Kaschade wiederholt die Frage noch einmal und noch einmal. Zeit will er nicht gewinnen, eine Antwort geht einfach tief und weit zurück.

Im Juli 1945 sah er Stendal das erste Mal, damals war der gebürtige Ostpreuße gerade einmal fünf Jahre alt.

„Viel mehr als den Bahnhof haben wir nicht erlebt.“ Der erste Sommer nach dem Krieg war heiß, der Zug mit Flüchtlingen voll. „Die Dampflokomotive wurde wie üblich mit einem Wasserkran befüllt, wir Kinder durften uns auch darunter stellen. “ Ein Heidenspaß und Abkühlung dazu. Der studierte Sozialpädagoge spricht von einer „historischen Dankbarkeit“, die heute wohl nur die wenigsten Menschen nachempfinden könnten. Kaschade, seit 2017 Ehrenbürger der Hansestadt, wird heute 80 Jahre alt.

Junge Fachkräfte im Blick: Der Professor auf Stippvisite in einem Stendaler Unternehmen. Sein Rat hat Gewicht.

Er wurde bei Tilsit im heutigen russischen Kaliningrader Gebiet geboren. Seinen Vater hat er nie wirklich kennengelernt. „Er fiel für Volk und Vaterland und an Hitlers Geburtstag am 20. April 1945 und das auch noch nah seinem Heimatort“, sagt Kaschade und lächelt milde. Ihm blieben die Mutter und der Bruder. „Meiner Mutter war Stendal damals nicht weit genug westlich.“ Ihr sei es um Sicherheit gegangen und natürlich auch um die persönliche wirtschaftliche Zukunft, weitere Verwandtschaft befand sich im Westen. Die Kaschades fuhren mit dem Zug nach Hannover und weiter ging es bis nach Flegessen bei Hameln. „Von Stendal konnte ich nicht lassen. Stendal ist mein Hobby.“ Und das ist viel. Noch jetzt kommt er in der Regel jede Woche für zwei Tage in die Altmark.

„Ich war ein mieser Schüler, aber ein interessierter.“ Kunst und Geschichte waren ihm früh wichtig, dass der Begründer der modernen Archäologie, Johann Joachim Winckelmann, in Stendal geboren wurde, wusste er. Die DDR war ihm nicht fremd, eine Partnergemeinde lag in Sachsen. Sein Großvater war Superintendent, Kaschade glaubt an christliche Werte, aber nicht mehr unbedingt an Institutionen. Dass er der Kirche vor Jahren den Rücken gekehrt hat, möge die Zeitung doch bitte nicht an die große Glocke hängen. Der Gründungsrektor der Hochschule in Magdeburg und Stendal bezeichnet sich gern als einen „kapitalistischen Sozialromantiker“. Mancher Journalist sieht in ihm einen der letzten echten Linksliberalen, auch wenn ihm das wahrscheinlich nicht immer in den Kram passen mag.

Ausbau seines Domizils an der Weberstraße.

Schon als Pennäler beschäftigte er sich mit Wertpapieren und verdiente Geld. Kaschade studierte Sozialfächer, schrieb Bücher, forschte und lehrte. Nach der politischen Wende in Ostdeutschland ergaben sich neue Herausforderungen. Nicht nur in der ehemaligen Bezirksstadt Magdeburg. „Die Förderung des ländlichen Raums war mir schon immer wichtig. Zumal ich selbst ein passionierter Landbewohner bin, Stendal als Zweitwohnsitz ist mir schon fast zu groß.“ Einige Zeit lang ging es sogar um eine eigenständige Fachhochschule für Stendal. „Einen solchen Standort wollten viele, unter anderem Salzwedel und Klötze.“ Kaschade lebt seit vielen Jahren hauptsächlich im niedersächsischen Hohenvolkfien, gerade einmal ein gutes Dutzend Häuser soll es dort geben.

Kaschade setzte sich für die Altmark-Autobahn ein, leitete einige Zeit das Existenzgründerzentrum BIC, holte einen Nachbau des Trojanischen Pferdes ans Winckelmannmuseum, gründete das Literaturhilfswerk, das deutschsprachige Bücher vor allem nach Osteuropa brachte, aber unter anderem auch nach China und Peru. Die Kaschade-Stiftung unterstützte nicht zuletzt Sprachlehrgänge und Studentenaustausch. Die Stendaler Lichttage und die Beleuchtung des Tangermünder Tores lassen die Stadt noch einmal in anderem Licht erscheinen. Unterstützter hat Kaschade viele, Zweifler äußern sich nicht öffentlich. „Auch die gibt es, natürlich“, meint der Jubilar und schmunzelt. „Wenn es an einer Stelle hakt und nicht reicht, mache ich mit anderen Sachen weiter.“

Einen eigenen Wikipedia-Eintrag, wie ihn sogar schon mancher Landespolitiker hat, damit kann der Professor nicht aufwarten. Kaschade lacht kurz auf. Über die Ehrenbürgerschaft der Stadt habe er sich sehr gefreut. Ob es vielleicht noch für das Bundesverdienstkreuz reicht, der Professor winkt im Gespräch mit der AZ ab. Sein niedersächsischer Freund und Mitstreiter in Sachen Literatur und Bücher, Christian Kolb, hat es jedenfalls schon. Groß gefeiert wird das 80. Wiegenfest nicht. Kaschade will den Tag in Hohenvolkfien mit Ehefrau Hermine und im kleinen Kreis verbringen. „Ich habe den 60. und den 75. Geburtstag größer begangen, dazwischen lagen 15 Jahre. So gerechnet wäre ich erst wieder mit 90 in der Pflicht.“ Für Stendal habe er aber schon wieder zwei Tage in einer Woche reserviert. VON MARCO HERTZFELD  

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