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Eine Stadt sieht rot: fast 300 Graffiti in Stendal – Kommissar Zufall soll helfen

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Von: Marco Hertzfeld

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Eine Häuserwand an der Deichstraße in Stendal ist groß mit dem Code 161 für Antifaschistische Aktion besprüht.
Dieser antifaschistische Code auf dem Parkplatz zwischen Brüderstraße und Deichstraße gehört zu den jüngeren Schmierereien. Manche Graffiti in der Stadt sind noch ein Stück weit größer. Die Polizei ermittelt. © Marco Hertzfeld

Die linken Schmierereien in Stendal fordern die Polizei. Fast 300 Graffiti sind mittlerweile registriert. Die Ermittler setzen offenbar mehr denn je auf Hinweise aus der Bevölkerung.

Stendal – Die politischen Schmierereien in Stendal füllen immer mehr Ordner und Dateien. „Bei der Kriminalpolizei werden 24 Verfahren geführt, wobei es sich um derzeitig insgesamt 256 Graffiti handelt“, teilt Dirk Marscheider auf Nachfrage der AZ mit. Dass damit das Ende der Fahnenstange erreicht ist, davon dürften die Ermittler in der altmärkischen Kreisstadt nicht unbedingt ausgehen. Regelmäßig kommen neue Codes, Symbole und Parolen hinzu, einige sind mehrere Meter hoch und erfassen ganze Häuserwände. Mindestens seit Herbst vergangenen Jahren überziehen Unbekannte nicht zuletzt das historische Zentrum mit Farbe. Die Behörden scheinen ziemlich ratlos. Die Polizei setzt ganz offensichtlich mehr denn je auf Kommissar Zufall und den entscheidenden Hinweis aus der Bevölkerung.

Serie mindestens seit dem Herbst

Die Behörde in Stendal geht nach wie vor von Tätern aus der linksradikalen Szene aus. Dafür spricht schlichtweg der Inhalt der Schmierereien. Und: „Es ist naheliegend, dass es sich um den gleichen Täter oder die gleiche Tätergruppe handelt. Erkennbar ist das am Sprühbild als Gesamtes, als auch an den inhaltlichen Komponenten“, formuliert es Polizeisprecher Marscheider. Momentan werden weitere Spuren ausgewertet. Inwiefern alle oder ein Teil der Schmierereien auch bewusst und gezielt aus einer ganz anderen Ecken stammen könnten, der rechten Szene, um das politische Klima zu beeinflussen und etwas zu provozieren, kommentiert Marscheider in dieser Woche nicht großartig. Nur so viel: „Das ist Gegenstand der Ermittlungen und wird nicht inhaltlich kommuniziert.“

Bereits 24 Verfahren bei Kripo geführt

Derweil wächst der Schaden für Hausbesitzer und andere. Das Straßenbild einer Stadt, die ein beachtliches mittelalterliches Erbe vorweisen kann und stärker auf Tourismus setzen will, leidet. Auch das dürften die Ermittler wissen. „Der gesamte Betrag als Schadenssumme ist durch alle Geschädigten noch nicht beigebracht. Anhand von Schätzungen dürfte er sich im mittleren fünfstelligen Bereich bewegen.“ Im Klartext: Weil eben noch nicht alles registriert ist, könnte der Schaden auch deutlich höher sein. Gerade bei den großformatigen Graffiti müssen die Täter eine Art Sprühpistole oder ein anderes bestimmtes Geräte einsetzen. Der Polizeisprecher auf Nachfrage dieser Zeitung: „Hierzu werden ebenfalls keine Angaben gemacht. Dieser Teil ist ebenfalls Gegenstand der Ermittlungen.“

Ermittler setzen auf Hinweise der Bürger

Zu sehen sind unter anderem Zahlencodes wie 161 für Antifaschistische Aktion, kurz Antifa. Hammer und Sichel ist das vielleicht bekanntestes Symbol des Marxismus-Leninismus, einst prangte es auf der Fahne der Sowjetunion, nun ist es auf Stendaler Fassaden gesprüht. Vereinzelt wird auch dem Revolutionär Lenin gehuldigt und zum Klassenkampf aufgerufen. Das Akronym A.C.A.B. bedeutet so viel wie „Alle Polizisten sind Bastarde“, eine Parole, die verschiedenste Subkulturen verwenden. Ob sich Sprühattacken überhaupt verhindern lassen, Marscheider überlegt und meint: „Diese Frage lässt sich nur sehr schwer beantworten. Die Taten sind allesamt öffentlichkeitswirksam geschehen. Ein Auge oder ein Ohr eines jeden Bürgers und möglichen Zeugen kann helfen, zukünftige weitere Straftaten zu verhindern und die geschehenen Straftaten aufzuklären.“

Die Polizei gibt sich aktiv und ist den Tätern auf der Spur, der Staatsschutz ist längst eingeschaltet. Aber natürlich: „Wichtig ist eine Sensibilisierung der Bürger, Betroffenen und möglichen Zeugen. Wer jemanden kennt, etwas gesehen hat, etwas hört, sollte das mitteilen. Er kann bei der Aufklärung der Taten helfen.“ Dass sich Stendal zu einer regelrechten Hochburg für Linksradikale entwickelt oder bereits entwickelt hat, davon muss nicht unbedingt ausgegangen werden. Das politische Klima im Landkreis Stendal hatte sich vor einiger Zeit aufgeheizt, nicht zuletzt um die Waldbesetzung bei Losse durch Umweltaktivisten. Demonstrationen linksradikaler und autonomer Gruppen in Stendal und Seehausen 2021 hatten auch die Antifa-Arbeit und den Schulterschluss gegen die AfD beschworen.

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Aktion ohne Sinn und Verstand
Stendal ist nicht Kreuzberg und auch nicht Connewitz. In Großstädten wie Berlin und Leipzig verlaufen sich verschiedenste Schmierereien vielleicht noch. In einer Kleinstadt wie Stendal, die sich zudem um ihr historisches Erbe bemüht und es künftig stärker touristisch in die Waagschale werfen will, wirken diese Graffiti wie ein Brandmal. Was treibt diese Schmierfinken nur an? Dass sie damit irgendwelchen Nazis Angst machen, den Staat beeindrucken oder meinetwegen auch die Welt ein Stück besser gestalten, das können sie doch nicht ernsthaft glauben. Es ist und bleibt purer Aktionismus, ohne Sinn und Verstand. Oder ihr Antrieb ist ein ganz anderer.

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