„Ich werfe ja keine Bomben“

Familie bangt wegen der Autobahn um ihre Hofkäserei

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Das ist Heidrun Kintras Welt. Die Hofkäserei der Familie in Drüsedau ist mittlerweile auch für Touristen interessant.

Drüsedau. Milchkühe zupfen das erste frische Gras des Jahres. Die Sonne scheint. In den Ställen freuen sich Schweine aufs Frühstück. Die Mitarbeiter haben längst mit dem Tagewerk begonnen.

„Alles könnte so schön sein, wenn diese verfluchte Autobahn nicht käme“, schimpft Heidrun Kintra. Die studierte Landwirtin bangt um ihren Familienbetrieb. Wenn das Megaprojekt den Norden des Landkreises erreicht, sei es vorbei mit der ländlichen Idylle. Die Trasse werde dem 120-Seelen-Ort Lärm und Schmutz bescheren, die für die Hofkäserei so wichtige große Wiese in zwei Hälften teilen und den einfachen Weg zur zweiten Hofstelle zwei Kilometer weiter, wo ein Großteil der Tiere steht, auf einen Schlag schwierig machen.

„Drüsedau hat gekämpft, die meisten Menschen hier sind gegen die A 14 oder zumindest gegen ihren geplanten Verlauf. 80 Prozent der Einwohner haben eine Eingabe gemacht.“ Vergebens. Die Nordverlängerung scheint nicht mehr aufzuhalten, auch wenn Karsten Sommer, ihr früherer Anwalt, im Schulterschluss mit dem BUND, immer noch Hoffnung macht. „Wenn die Bagger anrollen, werde ich mich querstellen und die Kühe werden auf der Koppel sein, so schnell kriegen die uns nicht weg. Ich werfe ja keine Bomben, aber ich wehre mich“, sagt die zweifache Mutter kämpferisch und schmunzelt. 2018 steht ein Jubiläum ins Haus, 20 Jahre könnten gefeiert werden. Der Betrieb ist vergleichsweise jung.

Die Wurzeln sind älter. „Das hier ist mein Zuhause. Ich bin auf dem Hof aufgewachsen. Landwirtschaft ist für mich auch ein Stück weit heile Welt“, schwärmt die 52-Jährige und ruft nach einigen der insgesamt 100 Rinder. Die Tiere zieren sich an diesem Vormittag ein wenig, der nicht sonderlich beliebte Klauenbeschneider ist auf dem Hof. Von industrieller Produktionsweise hält Kintra nichts. Und auch „Bio“ sei doch nur so eine Marke. „Ich bin mit Leib und Seele Bauer, bei uns ist alles naturbelassen. Mehr geht nicht. Die Leute kommen und schauen uns über die Schulter, sie wissen, was wir machen.“ Studiert hat sie in Halle, das Käsemachen habe sie sich mehr oder weniger selbst beigebracht.

Gut 50 Hektar Land nennt Kintra ihr Eigen. Zehn Hektar davon werde sie wahrscheinlich durch die Autobahn verlieren. Sie habe sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, umsonst. „Freiwillig bekommen die Herrschaften nichts, wir werden quasi enteignet. Noch haben wir keine Signale, ob wir dafür jemals eine Entschädigung erhalten, ist fraglich“, glaubt die Ostaltmärkerin. Auch gebe es ausreichend Landes- und Bundesflächen in der Gegend, die für ein Bundesprojekt wie dieses hätten genutzt werden können. „Aber nein, es werden private Flächen bebaut und damit versiegelt. Warum denn nur?!“

Kintra rechnet mit enormen Einbußen. „Ich soll jetzt schon genau ausrechnen, welche Verluste es geben wird. Doch woher soll ich das im Detail wissen, so funktioniert doch Landwirtschaft nicht“, meint die Drüsedauerin und schüttelt den Kopf. Die Arbeit mache ihr ja immer noch Spaß, doch stimmten die Rahmenbedingungen immer weniger. „Diese ganze Drangsalierung. Und so ein Beteiligungsverfahren ist doch auch für die Katz, ein Vorgaukeln von Demokratie. Die Eingaben und Verbesserungsvorschläge haben nichts gebracht, keinen Lärmschutz, kein Tempolimit, nichts.“ Die A 14 soll in der Gegend auf einem Damm verlaufen. „Da wächst links und rechts nichts mehr. Die Verlärmung potenziert sich, Emissionen werden hineingetragen. Und nicht zu vergessen, der Schattenwurf.“

Kintra könnte sowieso auf eine Autobahn verzichten. „Sie ist nicht nötig, eine ausgebaute B 189 würde vollkommen ausreichen.“ Die Landwirtin, deren Vater in der DDR LPG-Vorsitzender und später lange Zeit Zuchtsekretär in einem Verbund war, überlegt, alles hinzuschmeißen. „Andererseits hängen an diesem Betrieb fünf Arbeitsplätze. Und mittlerweile spielen wir auch für den Tourismus eine gewisse Rolle. „Soll das Ganze wirklich so enden?“

Von Marco Hertzfeld

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