Seher gibt der Polizei Hinweise – „Ich höre auf meine innere Stimme“

„Fall Inga“ im Fokus: Die Eingebung des Michael Schneider

Das Diakoniewerk Wilhelmshof bei Uchtspringe ist eine Einrichtung der Behinderten- und Suchthilfe. Dort war die fünfjährige Inga mit ihren Eltern zu Besuch, als sie vor fünf Jahren spurlos verschwand.
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Das Diakoniewerk Wilhelmshof bei Uchtspringe ist eine Einrichtung der Behinderten- und Suchthilfe. Dort war die fünfjährige Inga mit ihren Eltern zu Besuch, als sie vor fünf Jahren spurlos verschwand.

Altmark – Die spektakuläre Kehrtwende im Fall der seit 2007 vermissten Maddie McCann hat auch den „Fall Inga“ wieder massiv in den Fokus gerückt. Am 2. Mai 2015 verschwand das damals fünfjährige Mädchen mit den blonden Zöpfen spurlos.

Der „Fall Inga“ ist in Verbindung mit dem Fall Maddie McCann erneut in den Fokus geraten. Der Braunschweiger Christian B. wird des Mordes an Maddie verdächtigt. Die Staatsanwaltschaft prüft Verbindungen zu anderen Vermisstenfällen.

Die kleine Schönebeckerin hatte sich mit ihren Eltern auf dem Diakoniewerk Wilhelmshof bei Uchtspringe im Landkreis Stendal aufgehalten, war mit anderen Kindern zum Holzholen für ein Lagerfeuer in den Wald gegangen und nie zurückgekehrt.

Ermittler prüfen Verbindungen

Michael Schneider, geboren 1970 in Siegburg, bezeichnet sich selbst als Seher. Auch im Fall der seit fünf Jahren verschwundenen Inga Gehricke hatte er eine Eingebung: „Ich konnte mich sofort festlegen.“

Jetzt ist der Braunschweiger Christian B. in den Fokus der Ermittler gerückt. Der 43-Jährige wird des Mordes an Maddie McCann verdächtigt. Mehrere Staatsanwaltschaften prüfen weitere Vermissten- und Mordfälle auf mögliche Verbindungen zu Christian B. Wilhelmshof liegt rund 100 Kilometer nordöstlich von Braunschweig, wo sich B. zur Zeit von Ingas Verschwinden aufgehalten hatte. Anhand eines aktenkundig gewordenen Unfalls auf einem Autobahnparkplatz bei Helmstedt konnte nachgewiesen werden, dass B. einen Tag vor Ingas Verschwinden in einen Parkplatzrempler verwickelt war. Außerdem besaß der 43-Jährige einen zwangsversteigerten Hof etwa 90 Kilometer von Wilhelmshof entfernt. Im Februar 2016 hatte die Polizei dort zwischen Tierknochen einen Stick mit Kinderpornos gefunden.

Urteil im Vergewaltigungsfall

B. war im Dezember 2019 wegen schwerer Vergewaltigung einer 72-jährigen US-Amerikanerin zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Das Urteil in diesem Indizienprozess ist noch nicht rechtskräftig.

Immer wieder melden sich in Vermisstenfällen auch sogenannte Seher zu Wort. Einer von ihnen ist Michael Schneider, der sich seit dem Verschwinden der vermissten Inga Gehricke auch mit diesem Fall beschäftigt und der Polizei Hinweise gegeben hat. Die Altmark-Zeitung sprach mit ihm.

Sie bezeichnen sich selbst als Seher. Was verstehen Sie darunter?

Ein Seher kennt nicht die nächsten Lottozahlen. Er hat ein starkes Gespür für etwas Verborgenes und kann hinter die Kulissen schauen. Seher gab es auch schon in der Antike. Es sind keine Heiligen und sie machen auch Fehler. Ich bin sehr gottgläubig und bekomme Eingebungen.

Sie haben sich darauf spezialisiert, bei der Suche nach vermissten Personen und Tieren zu helfen. Wie kam es dazu?

Ich habe sieben Jahre lang als Polizeireporter fürs Fernsehen gearbeitet und dabei mit vielen Vermisstenfällen zu tun gehabt. Ich musste erleben, was es für Angehörige von Vermissten heißt, mit der schmerzhaften Ungewissheit zu leben. Einige gingen an der Ungewissheit zugrunde, wurden arbeitsunfähig oder übernahmen sich finanziell mit Aufträgen an Detektive. Das Ganze hat mich sehr berührt. Irgendwann habe ich meine Fähigkeit der Übersinnlichkeit gespürt und beschlossen, bei der Suche zu helfen. Dafür habe ich nie auch nur einen Cent genommen.

Wie erfolgreich waren Ihre Hinweise in der Vergangenheit?

Erfolgreiche Hinweise habe ich in den vergangenen anderthalb Jahren zum Beispiel bei der vermissten Jeannette T. aus Rostock gegeben, die 30 Meter entfernt von meinem Hinweis suizidiert gefunden wurde. Nikola D. wurde vor vier Wochen in einem Waldstück bei Ratzeburg gefunden, nachdem ich einen Tipp gegeben hatte. Tanja Mayer wurde im Bodensee 800 Meter von der Stelle entfernt gefunden, die ich angegeben hatte. Im Fall Gertsuski, Mutter und Tochter waren verschwunden, fand die Polizei nach meinem Hinweis in einem Waldstück einen blutverschmierten Teppich und eine Fußmatte. Das Blut stammte von den Vermissten. In zwei Fällen habe ich mich leider getäuscht: Beim verschwundenen Marvin hatte mich seine Mutter kontaktiert. Ich hatte die Unterstützung erst abgelehnt, da ich keine Eingebung hatte. Da mir ihre emotionale Bitte sehr nah ging, habe ich mich dann einen Tag später doch gefragt, was rückblickend falsch war, denn Marvin wurde später, anders als von mir gesagt, doch lebendig im Schrank seines Entführers gefunden. Im Fall der verschwundenen Malina Klar aus Regensburg gab ich der Bitte eines Privatmenschen aus der Region erst eine Absage, um mich dann nach seiner später hinzukommenden Fehlinfo, sie sei vor einem Mann weggelaufen, doch festzulegen und lag dann mit dem Fundort und einem Verbrechen falsch, aber nicht damit, dass sie tot ist.

Wie wurden Sie auf den „Fall Inga“ aufmerksam?

Kurz nach ihrem Verschwinden wurde ich mündlich und schriftlich von mehreren Personen aus dem Raum Stendal um Hilfe gebeten. Da ich eine Eingebung hatte, legte ich mich schnell fest, dass Inga leider nicht mehr lebt. Ich hoffe natürlich, dass ich mich täusche. Ich gehe davon aus, dass sie in einem See oder Teich zwischen Wilhelmshof und Stendal liegt. Einer der beiden Teiche, nämlich der, den ich seit Langem präferiere und für den ich der Polizei neue metergenaue GPS-Koordinaten geben werde, sieht von oben aus wie eine Büroklammer, der andere liegt zirka einen Kilometer entfernt und sieht von oben aus wie eine Boxershort.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Um eine Eingebung zu erhalten, muss ich ein Bild sehen, um mich sofort und präzise festlegen zu können. Dies war hier der Fall. Ich höre grundsätzlich auf meine innere Stimme und bin hellhörig. Ich sehe meine Aufgabe darin, Menschen und Tiere zu finden. Täter mit meinen seherischen Fähigkeiten zu identifizieren und zu benennen, sehe ich nicht als meine Aufgabe und habe dies auch noch nie getan.

Hat es eine Zusammenarbeit der zuständigen Polizeiinspektion Stendal bzw. der zuständigen Ermittlungsgruppe (EG) „Wald“ mit Ihnen gegeben?

Zusammenarbeit wäre das falsche Wort, aber die Polizei ist frühzeitig meinem Hinweis auf einen bestimmten Teich nachgegangen und hat diesen auch abgesucht, allerdings nur einen der beiden Teiche.

Die Anwälte der Eltern von Inga haben medial Kritik an der Polizeiarbeit in Zusammenhang mit der Suche nach dem Mädchen geübt. Teilen Sie diese Kritik?

Ich verstehe grundsätzlich die Angehörigen, dass sie sich immer wünschen, dass noch mehr gemacht wird. In diesem Fall ist mein subjektiver Eindruck, dass die Polizei bei der Suche nach Inga stets sehr bemüht war und auch unkonventionelle Wege gegangen ist.

Was wünschen Sie sich in diesem Fall und in anderen Fällen, bei denen Menschen vermisst werden?

Im Fall Inga wünsche ich mir, dass die Polizei auch den anderen von mir genannten Teich absucht.

Ganz allgemein wünsche ich mir, dass sich die Polizei in Deutschland, ähnlich wie in angelsächsischen sowie süd- und osteuropäischen Ländern, auch unkonventionellen Maßnahmen anschließt. Und wenn ein Hinweis von mir erfolgreich war, wünsche ich mir, dass die Kripo dies dann auch nach außen so darstellt.

VON TIMO HÖLSCHER UND ULRIKE MEINEKE

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