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Fachtag an Hochschule Stendal: Queere Kinder- und Jugendarbeit

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Von: Stefan Hartmann

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Mehrere Menschen tauschen sich an einem Informationsstand aus.
An diversen Informationsständen kommt es zum Austausch zwischen den rund 100 Teilnehmern der Fachtagung. © Hartmann

Dass es queere Jugendliche gibt, war nicht die Frage. Womit sich die Teilnehmer einer Fachtagung an der Stendaler Hochschule viel stärker beschäftigen, ist die Frage, wie man in Kinder- und Jugendhilfe besser für sie da sein kann.

Stendal – Eine besonders wichtige Frage, für Menschen in sozialen Berufen, mit Blick queere Personen, sei es auch immer, zu wissen, ob in der eigenen Einrichtung welche zu finden seien. Die Frage konnte Folke Brodersen während seines Vortrages zur Fachtagung „Kinder- und Jugendhilfe & Schulen verqueeren“, direkt zu Anfang aufklären: „Sie haben alle queere Jugendliche in Ihren Einrichtungen.“

Queer steht dabei als Überbegriff für alle „nicht der Norm entsprechenden sexuellen Orientierungen und Geschlechteridentitäten“, wie ein kleines Handbuch zur Fachtagung erklärt. Früher galt es als Schimpfwort, um homosexuelle Personen abzuwerten, mittlerweile sei es jedoch zu einer Eigenbezeichnung geworden.

Dass die Einrichtungsleiter, Betreuer, Lehrer oder Erzieher es nicht wissen, habe nicht zwangsläufig mit ihnen zu tun, erklärt Brodersen. Eine Befragung zu dem Thema habe ergeben, dass sich queere Jugendliche häufig im Alter von 14 bis 17 darüber klar würden. Bis sie sich outen und damit sichtbar werden, wie es genannt wird, vergehen jedoch häufig noch einige Jahre. Im Schnitt seien es zwei bis drei Jahre. Ebenso wie andere Jugendliche seien sie damit beschäftigt, sich selbst zu finden. Da seien die jungen Menschen nicht anders, als ihre Altersgenossen. „Sie haben keinen Bock auf Hausaufgaben, streiten mit ihren Eltern, spielen zu viele Computerspiele und machen Instafotos von ihrem Essen“, stellt Brodersen fest. Aber sie seien eben auch damit beschäftigt, ihr Coming-out zu planen. Deshalb sei es nicht verwunderlich, dass Einrichtungen nicht wissen, ob und wie viele ihrer Jugendlichen queer sind. Für den Zeitpunkt zum Coming-out wählten viele Jugendliche den Übergang zu Ausbildung oder Studium. Für viele sei dieser Übergang eine gute Möglichkeit, sich einem neuen Umfeld auch als neue Person zu präsentieren. Sobald dies geschehen sei, könne schon mit einfachen Mitteln geholfen werden. Beispielsweise das ansprechen mit dem gewünschten Namen, falls dieser ein anderer als der, bei der Geburt zugewiesene sein sollte. Dass dies gut für die psychosoziale Gesundheit sei, belege ein Gutachten, erklärt Brodersen. Eine große Umstellung sei es sicherlich auch nicht. Schließlich würden auch im nicht queeren Kontext von Lehrern und Betreuern Kosenamen verwendet.

Anke Bollmann, Schulleiterin des Winckelmann-Gymnasiums, gab sich bescheiden. Geladen war sie, um einen „Einblick in einen gelungenen queeren Schulalltag“ zu ermöglichen. Es sei schmeichelhaft, dass das von außen so gesehen werde, erklärte Bollmann. „Wir sind sicher auf einem guten Weg“, schätzte sie die Lage ein. Ihre Schüler seien von der fünften bis zur zwölften Klasse bei ihr. In diesem Zeitraum gebe es auch häufig ein Coming-out. „Wir gehen von zehn bis 15 Prozent aus“, sagt Bollmann. Einer der Faktoren, der Schülern in der schwierigen Zeit der Selbstfindung helfe, sei die Trennung der beiden Häuser. Das halte jüngere, teilweise noch unreifere, Schüler davon ab ältere, die ihre Queerness erkennen, zu hänseln. Vor allem helfe den Jugendlichen jedoch, dass es im Personen im Kollegium gebe, die offen mit ihrer Queerness umgingen und so zeigten, dass es sich dabei um etwas völlig Normales handele, erklärt die Schulleiterin.

„Heute ist ein Transfertag“, sagt Hochschulrektorin Anne Lequy. Die rund 100 Fachleute, die an der Tagung teilnehmen, können sich austauschen und ihre Erfahrungen aus der Praxis weitergeben. „So kann Diskriminierung in Kindergarten, Schule und Hochschule – wir sind davor nicht gefeit – bekämpft werden“, erklärt Lequy. Früher habe Vielfalt noch etwas anderes bedeutet. Dieser Begriff habe mittlerweile eine weitere Bedeutung erhalten. Zuvor, so erklärt sie auf AZ-Nachfrage, sei es eher um Geschlechtergerechtigkeit gegangen. Frauen in Männerdomänen beispielsweise. Das große Thema Gender sei erst in den vergangenen zehn Jahren auf allen Tellern gelandet. „Da hat jeder Nachholbedarf“, sagt sie. Und um genau bei diesem zu helfen, sei die Hochschule Stendal optimal. Sie liege mitten im ländlichen Raum und direkt inmitten der Altmark. So könnte die Hochschule die Themen ins Land tragen. Sie, so Lequy, sei jedenfalls gespannt, was sich in Stendal entwickele.

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