„Die Stimmen sind Dauerthema“

Erster Verhandlungstag in Stendal: Angriff mit Beil auf Seniorin am Stadtsee

Der Beschuldigte R. und seine Rechtsanwältin Katja Sonne-Albrecht warten, dass der Prozess am Stendaler Landgericht beginnt.
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Der Beschuldigte R. und seine Rechtsanwältin Katja Sonne-Albrecht warten, dass der Prozess am Stendaler Landgericht beginnt.

Stendal – Wegen Mordes steht der 1980 geborene R. nicht vor Gericht. Am 8.  Juni soll der Stendaler eine 82-Jährige am Stadtsee mit einem Handbeil schwer am Kopf verletzt haben. Wenig später stellte er sich bei der Polizei am Uchtewall und legte ein Geständnis ab.

Seither ist R. vorläufig festgenommen. Den Verhandlungssaal im Stendaler Landgericht betrat er mit Hand- und Fußfesseln. Die Seniorin leidet nicht nur unter den körperlichen Verletzungen, sondern hat auch ein psychisches Trauma erlitten.

„Ich hatte Stimmen im Ohr“, berichtet R., der sich wegen versuchtem Totschlags verantworten muss. Die Staatsanwaltschaft beantragt die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Grund dafür sei eine aufgehobene Steuerungsfähigkeit wegen Schizophrenie. Der Arbeitslose hatte rund eine Woche vor der Tat seine Medikamente, ohne dies mit einem Arzt zu besprechen, abgesetzt. Als Grund nannte er Probleme im Liebesleben, die von den Pillen verursacht würden. Er habe sich schon längere Zeit verfolgt gefühlt und die Stimmen hätten ihm gesagt, dass die Mafia ihm Schaden würde, wenn er sich nicht selbst etwas antut.

Deshalb habe er auch versucht, in einem örtlichen Baumarkt ein Messer zu kaufen. Gefunden hatte er vor Ort jedoch nur ein Handbeil mit einem rund 35 Zentimeter langen Stiel – die spätere Tatwaffe. Eigentlich wollte er sich damit, wie es die Stimmen verlangten, selbst verletzen. Damit könne er verhindern, dass die Mafia ihm etwas antue. Zwar seien die Worte in seinem Kopf nicht immer böse, es habe auch „schöne Zeiten“ mit ihnen gegeben, 2017 hätten sie ihn jedoch bereits fast in den Suizid getrieben.

Als der Beschuldigte dann mit dem Beil am Stadtsee unterwegs war, hätten die Stimmen ihn jedoch aufgefordert, anstatt sich die Seniorin zu verletzen: „Nimm die!“, hätten sie gesagt. Nach Zeugenaussagen soll er die am Boden liegende Frau noch gewürgt haben. Daran konnte sich R. nicht genau erinnern. Angelehnt, möglicherweise abgestützt, vielleicht auch ein bisschen zugedrückt habe er. Als die Seniorin um Hilfe schrie und ihn fragte, warum sie, was sie getan hat, habe er, nicht die Stimmen, entschieden, dass er das nicht wolle und von der Seniorin abgelassen. „Ich habe ihr gesagt, dass es mir leidtut“, berichtet der Beschuldigte. Im Anschluss sei er zur Polizei gegangen, um sich zu stellen.

„Die Stimmen sind Dauerthema bei uns“, berichtete auch die Ehefrau des Beschuldigten, die ebenfalls vor Gericht aussagte. Sie hätte immer versucht, ihn zu beruhigen, wenn er sich erneut verfolgt fühlte oder die Stimmen ihm gedroht hätten.

Ebenfalls befragt wurden drei Polizisten, die zu verschiedenen Zeitpunkten nach dem Eintreffen des Beschuldigten mit ihm im Polizeirevier im Kontakt standen. Die Verhandlung wird am Dienstag, 1. Dezember, fortgesetzt.

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