Ratsmehrheit will tot geglaubten Stadtteil reanimieren

Erster Tropf an Stendal Süd gelegt

Es hat etwas von Märchen und Dornröschen: Bilder wie das einer überwucherten Laterne haben sich in den vergangenen Jahren in Süd machen lassen.
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Es hat etwas von Märchen und Dornröschen: Bilder wie das einer überwucherten Laterne haben sich in den vergangenen Jahren in Süd machen lassen.

Stendal – Es ist tatsächlich passiert. Der eigentlich aufgegebene Stadtteil Süd kann neu belebt werden, zumindest sind erste Weichen dafür gestellt worden.

Geändert werden muss dafür nicht zuletzt der Flächennutzungsplan der Einheitsgemeinde, die Verwaltung soll dies innerhalb von sechs Monaten vorbereiten und einen Beschlussvorschlag liefern.

Für diese nicht unerhebliche Kehrtwende in der Stendaler Stadtentwicklung hat sich in dieser Woche eine Mehrheit gefunden. Statt DDR-Plattenbauten sollen es künftig Eigenheime sein. Am Ende wurde namentlich abgestimmt. 21 Ratsleute votierten für den gemeinsamen Antrag der Fraktionen SPD / FDP / Ortsteile und FSS/BfS, 17 lehnten ihn ab. Stadtratsvorsitzender Peter Sobotta (FSS) sah zudem eine Enthaltung.

Genau dieselben Zahlen erreichte ein Antrag von CDU und Landgemeinden, nur war das Ergebnis bei den Ja- und Nein-Stimmen umgekehrt. Die Fraktion wollte keine Weichen in diese Richtung stellen und schon einmal beim Landesverwaltungsamt eine Einschätzung einholen. Womöglich sei eine zusätzliche Bebauung ja ob der demografischen Entwicklung gar nicht genehmigungsfähig und die Arbeit am Flächennutzungsplan für die Tonne. Thomas Weise (CDU) bemühte im Stadtrat die Geschichte und nannte Zahlen, durchsetzen konnten er und seine Mitstreiter sich nicht. Gegen ein wiederbelebtes Süd in dieser Form stimmte auch sein Parteikollege und Oberbürgermeister Klaus Schmotz.

Kurz nach der politischen Wende zählte Stendal 50717 Einwohner, und das ohne die noch selbstständigen Gemeinden Bindfelde, Jarchau und Staffelde. 2012 waren noch insgesamt gut 41 000 Menschen mit Hauptwohnsitz registriert, jene in den 13 eingemeindeten Ortsteilen mitgezählt. Aktuell soll die Einwohnerzahl bei ungefähr 39 000 liegen. Unterm Strich und grob gerechnet dürfte Stendal circa 10 000 Bürger seitdem verloren haben. Hauptgrund des Aderlasses war ein Bauende bei Arneburg, zahlreiche Menschen waren zu DDR-Zeiten wegen des Kernkraftwerks erst in die Region gezogen. Hinzu kamen der Arbeitsplatzabbau in größeren Betrieben und die allgemeine Bevölkerungsentwicklung im Osten.

„Dies bewirkte und bewirkt einen starken Handlungsdruck auf die Wohnungswirtschaft und die Stadt“, stellte Weise nüchtern fest. Niemand widersprach. Das vom Stadtrat 2001 beschlossene Stadtentwicklungskonzept und dessen Fortführung einige Jahre später sehen den Rückbau von circa 6000 Wohneinheiten vor. Die Zahl sei heute in etwa erreicht, werde aber wahrscheinlich nicht ausreichen. Auf der Grundlage des Konzeptes wurde das Wohngebiet Süd weitgehend und das Wohngebiet Stadtsee zum Teil zurückgebaut. Diese Entscheidungen ermöglichten erst so richtig eine Aufwertung der Altstadt und weiterer Bereiche. Auch diese Einschätzung des Christdemokraten teilen andere.

Ins Feld geführt wurde auch die Eigentumsquote in Stendal. 1989 sollen Eigenheime und Eigentumswohnungen gerade einmal acht Prozent ausgemacht haben, 2013 waren es demnach 23 Prozent. Im Verhältnis zu Sachsen-Anhalt (38 Prozent) und Deutschland (43 Prozent) ergebe sich ein „Nachholbedarf“, wie es Weise nannte. Seine Fraktion fordere seit Jahren die Ausweisung von weiterem Bauland, die Verwaltung komme dem „zögerlich und manchmal verspätet nach“. Chancen sieht der Fraktionsvorsitzende im Stadtteil Ost sowie an Salzwedeler und Lüderitzer Straße. Und ja, auch noch durch Rückbau frei werdende Flächen in Stadtsee III könnten Ein- und Zweifamilienhäusern dienen.

In Stadtsee könnte so ein „differenzierter Wohnungsmix“ angeboten werden. Dafür müssten selbstredend die Großvermieter ins Boot geholt werden, die wohl auch schon „gute Ideen“ hätten. Eine Wiederbelebung von Süd wäre hingegen mit „gravierenden Nachteilen für die Stadtentwicklung verbunden“. Gefördert werden müsse die „Kernstadt“. Weise sprach auch von einer „weiteren Zersiedelung“, die es doch bitte nicht geben sollte. Und natürlich: Kopfzerbrechen bereiteten nach wie vor die Eigentumsverhältnisse der verbliebenen Blöcke in Süd. Björn Dahlke, Mitglied der Fraktion Linke / Bündnisgrüne, befürchtet gar, dass „Spekulanten“ nun noch mehr Tür und Tor geöffnet werde. Die Stadt möge die Blöcke zu einem vernünftigen Preis kaufen und diese dann abreißen.

Die Befürworter brachte all dies und mehr nicht aus der Ruhe. Christian Röhl (FSS) betonte, dass die Initiative doch gerade auf ein Mehr an Wohneigentum abziele. Es gehe aber eben nicht um mehrgeschossige Häuser, sondern um Eigenheime, vielleicht 50 oder 60 Wohneinheiten. Dr. Herbert Wollmann (SPD) zeigte sich bei potenziellen neuen Wohngebieten an anderer Stelle nicht so optimistisch wie Weise, gerade in Ost mache er doch einige Fragezeichen aus. Momentan gebe es einfach zu wenige Bauplätze. Jörg Schwarzer (BfS) sieht nicht das Geld, mit dem die Stadt die Plattenbauten in Süd kaufen könnte und sollte, eine direkte Reaktion auf den Vorschlag des Bündnisgrünen Dahlke.

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