Langjähriger Kreischef Bollfraß streicht die Segel

Erster Mai: DGB Stendal ohne Vorsitzenden

Peter Bollfraß hockt vor Kartons und Megafon in einem DGB-Büro in Stendal.
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Eine Ära endet: Peter Bollfraß zur Mitte seiner Zeit als Kreisvorsitzender des DGB in Stendal. Insgesamt hatte der frühere Lehrer fast drei Jahrzehnte lang für den Dachverband der Gewerkschaften in Ostaltmark und Elb-Havel-Winkel das Sagen.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Peter Bollfraß ist das Gesicht der Gewerkschaften im Landkreis Stendal. Nun muss der 75-Jährige endgültig die Segel streichen. Ein Nachfolger wurde über die Jahre nicht gefunden und aufgebaut. Der DGB ist kurz vor dem Tag der Arbeit ohne echte Spitze.

Stendal – Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) im Landkreis Stendal steht vor dem Ersten Mai, dem Tag der Arbeit, ohne ordentlichen Vorsitzenden da. „Ich kann das Amt nicht mehr ausfüllen, die Zentrale in Magdeburg weiß Bescheid“, sagt Peter Bollfraß der AZ am Telefon. Für 2021 stehe eh eine reguläre Vorstandswahl an. Der Hansestädter wollte schon länger das Zepter an einen Nachfolger abgeben und hatte das zuletzt vor einem Jahr bekräftigt. Nun hat der 75-Jährige auch noch mit größeren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. „Ich muss erst einmal an mich denken und will so schnell wie möglich wieder auf die Füße kommen. Ganz verloren gehen werde ich den Leuten nicht. “

Seit 1992 hatte Bollfraß im Kreisverband das Sagen, zunächst hauptamtlich, später ehrenamtlich. Nach der politischen Wende in der DDR wehte den Gewerkschaften ein eisiger Wind entgegen, vor allem junge Leute wollten von der Gewerkschaftsidee nicht allzu viel wissen. Der Stendaler schaute regelmäßig auf die Zahlen, vielleicht 18.000 Mitglieder oder auch noch weniger soll der Dachverband Mitte der 1990er-Jahre in der Altmark gehabt haben, gut 10.000 weniger als Jahre zuvor. Der DGB scheint mittlerweile aus dem Tal der Tränen. In jüngerer Vergangenheit konnte Bollfraß von Zahlen über der 20000er-Marke berichten. Mehr als die Hälfte der Mitglieder lebt im Landkreis Stendal.

In seinem ersten Jahr als Kreisvorsitzender fand die Maikundgebung auf dem Marktplatz statt. Der parteilose Bollfraß und seine Mitstreiter blieben fast unter sich. Ab 1993 luden DGB und Einzelgewerkschaften in den Stendaler Tiergarten. Auf dem Gelände hatten sie schlichtweg mehr Platz und die Möglichkeit, Redebeiträge und kulturelle Angebote zu mischen. Das Stelldichein am Tag der Arbeit entwickelte sich mehr und mehr zum Familienfest, Tausende kamen und nicht nur allein aus der Ostaltmark. Dass diese alljährliche Einladung auch unter neuem Kreisvorsitz ausgesprochen wird, ist dem früheren Lehrer wichtig. „Dieses Datum und diese Veranstaltung verbinden.“

Gewerkschaften seien wichtig, natürlich. Arbeitgebern und der Politik müssten regelmäßig und organisiert Forderungen und Botschaften gesendet werden. Dass die Mitgliederzahl zumindest einmal wieder den Nachwendestand erreicht, daran wollte und will selbst Bollfraß nicht so richtig glauben. „Diese Zahlen werden wir nie wieder erreichen. Auch nicht mit der Autobahn und einem kleinen Wirtschaftswunder, auf das so viele Menschen hoffen“, sagte er der AZ schon Ende 2018. Um sich für die Zukunft richtig aufzustellen, müssten sich die Gewerkschaften an der Spitze und in der Breite auch weiblicher aufstellen. Und selbstredend: Die Jugend müsse stärker begeistert werden.

2019 sendete die DGB-Jugend ein Lebenszeichen, eine Interessengruppe junger Arbeitnehmer zeigte in Stendal Flagge, der Jugendstammtisch traf sich monatlich. Bollfraß setzt auf Entwicklung im Jugendbereich und auf eine baldige Antwort in der Führungsfrage. Immer wieder sollte ein passender Nachfolger gefunden und aufgebaut werden, vergebens. Einmal schien es fast gelungen, doch dann hatte der Hoffnungsträger andere persönliche Pläne. „29 Jahre war ich Kreisvorsitzender in einem Gebiet mit strukturellen Besonderheiten“, rechnet Bollfraß im kurzen Gespräch mit der AZ dieser Tage zusammen. Größere Industrie ist im Landkreis eher selten, kleinere und mittlerer Unternehmen dominieren.

Schon im vergangenen Jahr musste die traditionelle DGB-Maifeier im Stendaler Tiergarten coronabedingt ausfallen. In diesem Jahr kommt noch die Geflügelpest hinzu, nahe dem Stadtsee wurde eine infizierte Graugans gefunden. Die Gewerkschaften sollten sich weiter rüsten, zumal niemand wisse, wie die Arbeitswelt nach der Coronakrise aussehe, sagt Bollfraß noch. Eine Anfrage der AZ beim DGB in Magdeburg mit der Bitte um eine Einschätzung für Stendal läuft.

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