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Rotarmisten sitzen im Keller der Stendaler Hochschule

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Von: Marco Hertzfeld

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Eine Propagandabild in Stendal aus kommunistischen Zeiten zeigt Rotarmisten.
Rotarmisten rücken vor. Dieses Propagandabild im Keller dürfte so oder so ähnlich vor allem den Bürgern bekannt vorkommen, die in der DDR aufgewachsen sind. © Marco Hertzfeld

Rote Armee, DDR und Ukraine-Krieg: Die Hochschule in Stendal zeigt Ratsleuten Kellerräume, in denen die sowjetische Militärgeschichte des Campus gezeigt wird.

Stendal – Ein Museum sei es nach wie vor nicht. Doreen Falke betont es mehrmals. Die Hochschule ist weder Mitglied in irgendeinem Verband, noch gebe es feste Öffnungszeiten. Ein Geheimtipp ist die Sammlung von Erinnerungsstücken vornehmlich der sowjetischen Vorgeschichte des Campus sicherlich nicht mehr. 2014 führte Falke die AZ einmal auf Anfrage durch die Räume, diesmal sind es Mitglieder des städtischen Kultur-, Schul- und Sportausschusses. Und einiges hat sich verändert. Dass russische Truppen seit Wochen in der Ukraine Krieg führen, spielt an diesem Abend aber keine große Rolle. Weil die Hochschulmitarbeiterin beim Gang durch die Katakomben von Haus 3 regelmäßig mit Blick auf die DDR-Zeit von russischen Soldaten spricht und nicht von sowjetischen, lässt vereinzelt Teilnehmer protestieren, leise. Sicherlich ein Lapsus also, der keinen groß stört.

Ratsleute besuchen die Geschichtsräume der Hochschule in Stendal.
Feste Öffnungszeiten kann und will Doreen Falke (r.) nicht anbieten. Zuletzt haben sich Stendaler Ratsleute in den Ausstellungsräumen im Keller umgeschaut. © Marco Hertzfeld

„Es besteht absolute Bausicherheit, aber es ist nicht renoviert“, erklärt Falke in den Kellerräumen, was alle sehen. 2012 ist die Ausstellung eröffnet worden. Mitte der 1990er-Jahre haben die GUS-Streitkräfte Stendal endgültig verlassen. Die fremden Soldaten hinterließen Spuren, die nach der politischen Wende in Ostdeutschland vielen nicht besonders wertvoll erschienen, manches ging verloren. Als die Tauentzienkaserne zur Hochschule umgebaut wurde, fanden Arbeiter noch einige Dinge, die vom Leben der früheren Besatzungsmacht zeugten. Und selbst davon dürfte es nicht alles in die Ausstellung geschafft haben. Ein Stahlhelm mit rotem Stern, der auf einem Stuhl abgelegt ist, könnte einst von einem Russen, Kasachen, Ukrainer oder einem anderen Landsmann in der an Nationalitäten durchaus reichen sowjetischen Armee getragen worden sein.

Besatzungsmacht hinterlässt Spuren

Der Komplex an der Osterburger Straße hat eine recht lange militärische Vergangenheit. Von 1936 bis 1938 errichtet, führten zunächst die Deutschen selbst dort das Kommando. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 zog die Rote Armee ein. Eine Streichholzschachtel, eine angebrochene Schallplatte, Kondensmilch, die mittlerweile ungenießbar sein dürfte, das und mehr hat die AZ schon vor acht Jahren vorstellen dürfen. Allesamt tragen die Stücke kyrillische Buchstaben und sind auf dem Gelände gefunden worden. Zur Stendaler Hochschulsammlung gehören auch Schwarz-Weiß-Fotos, die eine oder andere Uniform, Plakate und Propagandawände der sowjetischen Armee sowie etliche Ehrenabzeichen. „Wenn ehemalige russische Soldaten uns besuchen, kann es bei ihnen schon ziemlich emotional werden“, berichtet Falke.

Propaganda, Alltag und der rote Stern

Das historische Zimmer ist das Herzstück der Kelleranlage. Wie viele Gruppen sie bereits begrüßen konnte, kann Falke vom Büro für Regionalkontakte der Hochschule auf die Schnelle gar nicht sagen. Unerheblich dürfte die Zahl nicht sein. Ein Gästebuch lässt das Interesse erkennen. Einer der am weitesten gereisten Besucher dürfte ein Professor aus dem japanischen Nagasaki gewesen sein. Für Altmärkerin Falke ist die Präsentation ein wichtiges Stück Zeitgeschichte, das auch weiterhin nicht an die ganz große Glocke gehängt werden soll. Anmeldungen gebe es auch nach der Coronapause schon wieder. Andere Räume links und rechts des Gangs rücken vor allem die Arbeit der Hochschule selbst und akademische Partner weltweit in den Fokus. Inwieweit der Ukrainekrieg später ohne den Notizblock einer Zeitung eine Rolle gespielt hat, muss offenbleiben.

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Nicht nur Russen in Sowjettruppe / Wortwahl wichtig:
Es dürften nicht zuletzt Russen gewesen sein, die gegen Nazideutschland kämpften und später die Besatzungsmacht in der DDR ausmachten. Aber natürlich: Die Rote Armee hatte viele Gesichter. Kirgisen, Armenier, Turkmenen, Kasachen und weitere Volksgruppen waren vertreten, und eben auch Ukrainer. Inwieweit das den einzelnen Nationalitäten und Ländern noch heute wichtig ist, lässt sich aus der Ferne sicherlich schwer einschätzen. Eines sollte hingegen klar sein: Durch den russischen Angriff auf die Ukraine ist die Geschichte mehr denn je politisiert und jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Wenn für damals sowjetische Soldaten gemeint sind, sollte sie also auch so benannt sein.

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