Alleinerziehende haben es auf dem Arbeitsmarkt nicht leicht / Flexibilität von beiden Seiten gefragt

„Ein Geben und Nehmen“

Arbeitgeberin Cerry-Viola Salomon und Stefanie Mührer (rechts) besprechen den Dienstplan.
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Arbeitgeberin Cerry-Viola Salomon und Stefanie Mührer (rechts) besprechen den Dienstplan.

Altmark. Alleinerziehende in der Region bieten ein wichtiges Potenzial im Rahmen der Fachkräftesicherung. Nicht nur, weil die meisten von ihnen (67 Prozent) über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen.

„Oft auch in Berufen, in denen wir einen Bedarf an Fachkräften haben, so beispielsweise im Hotel- und Gaststättenbereich oder in der Pflegebranche. Doch die Kinderbetreuung lässt sich oftmals nicht mit den notwendigen Teil- und Wochenenddiensten vereinbaren“, erklärt Olaf Lange, Geschäftsführer Operativ der Stendaler Arbeitsagentur. Vor gut einem Jahr startete deshalb das Projekt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) „Beschäftigungschancen für Alleinerziehende erschließen“, an dem sich die Agentur für Arbeit Stendal gemeinsam mit dem Jobcenter Stendal beteiligt hat (die AZ berichtete). Das Ziel, 400 Alleinerziehende bei der Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung oder Ausbildung zu fördern, wurde erreicht. Doch den Projektteilnehmern war jedoch auch klar, dass dieses Thema über die Laufzeit hinaus an Bedeutung zunimmt, sagt Pressesprecherin Yvonne Papke. Davon ist beziehungsweise war auch die alleinerziehende Stefanie Mührer (31) betroffen. Aus familiären Gründen kam sie Anfang des Jahres aus den alten Bundesländern in die Altmark, weil ihre Eltern hier wohnen und auch die Betreuung für ihre zwei und sieben Jahre alten Kinder besser sei. Schließlich möchte sie nach der Elternzeit wieder arbeiten gehen. „Und das dürfte ja auch eigentlich kein Problem sein. Mit ihrem erlernten Beruf als Krankenschwester gibt es in der gesamten Pflegebranche vielfältige Einsatzmöglichkeiten und Fachkräfte werden gesucht. Eigentlich“, berichtet Papke. Denn Stefanie Mührer braucht und sucht einen flexiblen Arbeitgeber. Einer der ihr ermöglicht, ihre Kinder abends ins Bett zu bringen. Dafür ist sie bereit, auch an den Wochenenden zu arbeiten, denn dann könnten die Kinder von den Großeltern betreut werden. Sie bewirbt sich bei den großen Arbeitgebern in der Region, denn diese können bestimmt flexible Arbeitszeiten anbieten, denkt Mührer. Doch sie wird nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen, erhält Absagen. Dann besucht Stefanie Mührer im Februar die Vortragsreihe der Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt, Yvonne Hollmann, im BiZ Stendal zum Thema: „Wie bewerbe ich mich richtig“. Dabei kommt sie ins Gespräch mit Hollmann, erklärt ihr vermeintliches Handicap der Kinderbetreuung und reicht sofort ihre Bewerbung nach. „Mir war klar, dass wir hier helfen können und müssen. Aus Zeitgründen entscheiden sich Arbeitgeber oft zu schnell, ohne demjenigen eine Chance zu geben“, erklärt Hollmann. Die Bewerbungsmappe bringt sie zum Arbeitgeber-Service der Arbeitsagentur Stendal. Auch eine Tätigkeit in der Altenpflege könnte sie sich vorstellen. Cerry’s Häuslicher Krankenpflegedienst suchte eine Fachkraft. „Die gewünschten flexiblen Arbeitszeiten haben mich nicht abgeschreckt“, sagt Inhaberin Cerry-Viola Salomon der Agentur für Arbeit. Schließlich sei sie auch alleinerziehend gewesen und wisse um die Probleme der Mütter. Über den Arbeitgeber-Service wurde ein einwöchiges Praktikum vereinbart, bei dem Mührer deutlich machen konnte, dass sie ins Team passe. Auch mit Blick auf die Arbeitszeiten konnten sich schließlich Arbeitgeber und -nehmer einigen. Durch die Wochenenddienste hatte Stefanie Mührer an anderen Tage in der Woche frei. Zudem wurde sie in der Muttischicht eingesetzt, die statt um 6 erst um 6.30 Uhr beginnt. Damit konnte sie ihre Kinder in die Einrichtung bringen. „Wir haben hier einen sogenannten Wunscharbeitsplan für alle Mitarbeiter. Da können sie benötigte freie Tage eintragen und das passt meistens auch. Es ist eben ein Geben und Nehmen. Und in Zeiten des steigenden Fachkräftebedarfs ist Kompromissbereitschaft einfach notwendig“, beschreibt Salomon ihre Erfahrungen zusammen mit der Stendaler Agentur für Arbeit. Aktuell kommen im Landkreis Stendal in den medizinischen Gesundheitsberufen 2,1 Arbeitslose auf eine Stelle. Im Juli waren allein 73 offene Stellen im Bestand. Tendenz steigend. Mit Inkrafttreten des Altenpflegegesetzes zum 1. April 2013 ist die Ausbildung für den gesamten Zeitraum als Umschulung durch die Arbeitsagentur förderfähig, berichtet Papke. Vorher hätten nur zwei Drittel der Ausbildung durch die Arbeitsagentur übernommen werden können. 2012 beendeten 62 Arbeitnehmer die Umschulung zum examinierten Altenpfleger, in 2013 waren es 41. Nach dem neuen Altenpflegesetz haben in 2013 bisher 25 Arbeiternehmer die Umschulung begonnen.

Von Arno Zähringer

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