Patricia B. wird zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt / Gericht folgt Antrag der Staatsanwaltschaft

„Es war egal, ob Jason verhungert“

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Der Vorsitzende Richter Ulrich Galler (r.) verkündete gestern das Urteil.

Stendal. Bereits nach den Plädoyers von Staatsanwältin Ramona Schlüter und Verteidigerin Katja Sonne-Albrecht war von einer mehrjährigen Haftstrafe für Patricia B. auszugehen.

Das Gericht folgte gestern dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verurteilte die 23-Jährige wegen Totschlags zu einer sechsjährigen Gefängnisstrafe. Die Verteidigung hatte drei Jahre gefordert. Patricia B. wirkte relativ gefasst.

Aus dem Gericht

Patricia B. sei in einem schweren familiären Umfeld aufgewachsen, habe schnell Kinder bekommen und sei noch „relativ unfertig“ gewesen, erklärte Richter Ulrich Galler gestern in der Urteilsverkündung. Denn: „Es war egal, ob Jason verhungert.“

„Man fragt sich, wie in dieser reichen Bundesrepublik, wo niemand hungern muss, ein Kind nicht nur hungern, sondern verhungern kann.“ Die Staatsanwältin fasste in ihrem Plädoyer die Zeugenaussagen zusammen. Schon bei der Obduktion sei der Verdacht des Verhungerns aufgekommen. Nach der Geburt hat der Säugling 4750 Gramm gewogen, bei seinem Tod drei Monate später 5115 Gramm. Normal ist eine tägliche Gewichtszunahme von 20 Gramm pro Tag. Doch zum Arzt sei die Mutter nie gegangen. „Ihr Verhalten zeigt eine gewisse Gleichgültigkeit“, erklärt Schlüter. Denn nicht nur um Jason habe sich Patricia B. nicht ausreichend gekümmert, auch die Bein-Fehlstellung ihrer jüngeren Tochter habe sie nicht ärztlich behandeln lassen. „Mit drei Kindern zum Arzt, das sei nicht möglich gewesen“, resümiert Schlüter die Aussage von Patricia B.

Obwohl es Hilfsangebote gegeben habe. Schließlich hätte die Angeklagte die Essstörungen bei Jason selbst erkannt. „Wenn sie mal ihre Bequemlichkeit überwunden hätte. Doch Männerbekanntschaften und Feiern waren ihr wichtiger als das Leben ihres Kindes.“ Am Anfang der Ermittlungen hatte die Staatsanwältin noch an eine Minderbegabung der Angeklagten geglaubt. Aber nachdem Dr. Mohammad Zoalfikar Hasan, gerichtspsychiatrischer Sachverständiger, ihr eine durchschnittliche Intelligenz und volle Schuldfähigkeit bescheinigt hatte, wandelte sich die Meinung von Schlüter.

Egal, welche Strafe: „Sie muss mit der Schuld leben“

Auch Drogen hätten Patricia B. nicht an der Erfüllung ihrer Pflichten gehindert. Die Wohnung war tadellos aufgeräumt und sie habe auch die Zeit gehabt, sich selbst zurecht zu machen. Sie habe zwar nicht gewollt, dass Jason stirbt, aber: „Es war ihr einfach egal“, bilanzierte Schlüter und forderte sechs Jahre Haft.

Rechtsanwältin Katja Sonne-Albrecht versuchte, ihre Mandantin nicht wie eine gleichgültige Mutter zu zeigen. „Es fällt schwer, hier zu stehen und gegen die Ausführungen der Staatsanwältin zu sprechen.“ Doch nur weil Patricia B. nicht geweint habe, hieße das nicht, dass sie nicht getrauert hätte. Der Vater der Angeklagten hatte ausgesagt, dass seine Tochter sehr wohl geweint hat, allerdings nur, wenn die beiden allein waren. Unter der Woche sei Patricia B. nach dem Tod ihrer Mutter auf sich allein gestellt gewesen. Anderen Personen erzählte sie nichts von ihren Sorgen, das ließ ihr Charakter nicht zu. Dr. Hasan hatte in seinem Bericht einen verschlossenen Charakter der 23-Jährigen festgestellt, der zum Leugnen tendiert. „Unstrittig hat Jason zu wenig Nahrung bekommen“, doch das Leugnen ließ Patricia B. die Situation weniger dramatisch annehmen, als sie war. Ihre Mandantin bereue die Tat sehr. „Egal, was das Gericht für eine Strafe festlegt, sie muss mit der Schuld leben“, schloss Sonne-Albrecht ihr Plädoyer.

Der Sorgerechtsprozess um die beiden Töchter der Verurteilten geht indes weiter. Der Lebensmittelpunkt der Mädchen soll aber nicht im Kinderheim bleiben, heißt es aus dem Jugendamt.

Von Bianca Lange

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