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Der Doktor und das liebe Rindvieh

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Neben dem Pferd ist das Rind des Altmärkers liebstes Nutztier. Es liefert vor allem Fleisch und Milch. Allein im Landkreis Stendal werden momentan über 340 000 Rindviecher gehalten. Das Bild zeigt einige Tiere der Familie Ebel in Borstel. © Hertzfeld

Stendal. Führende Tierärzte und andere Fachleute aus halb Europa haben sich in der Ostaltmark versammelt. Beim 8. Stendaler Symposium am Haferbreiter Weg tauschen sie sich über bedeutsame Tierseuchen und moderne Labormethoden aus.

Die AZ hat Dr. Karl-Friedrich Reckling, den Leiter des Fachbereichs Veterinärmedizin des Landesamtes für Verbraucherschutz, befragt.

AZ: Wie wichtig ist Stendal?

Dr. Reckling: Die Tagung hat einen festen Platz im nationalen Fachtagungskalender. Das 1. Symposium 1997 hatte 150 Teilnehmer, inzwischen sind wir bei 300 Teilnehmern angelangt. Die Fachleute kommen aus ganz Deutschland und dem benachbarten europäischen Ausland. In diesem Jahr sind insbesondere Kollegen aus Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Italien, Frankreich und sogar Großbritannien dabei.

AZ: Das Symposium hat insbesondere das Rind im Blickfeld. Warum eigentlich?

Dr. Reckling: Weil die Rinderzucht besonders in unserer Region fest verankert ist und weil Untersuchungsmaterialien vom Rind den Großteil unserer täglichen Arbeit ausmachen.

AZ: Der Landkreis Stendal ist in der Tat reich an Rindern. Zucht und Haltung sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Kennen Sie aktuelle Zahlen?

Dr. Reckling: 2010 waren es insgesamt 343 284 Rinder, davon 155 584 Milchrinder. An den Verhältnissen dürfte sich kaum etwas geändert haben.

AZ: Die Landes-Veterinärmedizin scheint auf den ersten Blick in der ländlich geprägten Altmark genau richtig angesiedelt. Hat sich dieser Standort aber wirklich bewährt?

Dr. Reckling: Der Standort hat sich bewährt, auch wenn die Konzentrierung veterinärmedizinischer Untersuchungstätigkeit in Sachsen-Anhalt am Standort Stendal die Wege für Untersuchungsgut aus dem Süden des Landes schwieriger gemacht hat. Durch intelligente Kuriersysteme und durch von der Tierseuchenkasse des Landes Sachsen-Anhalt unterstützte Transportsysteme wird dieser Nachteil abgemindert. Der bundesweite Stellenwert des Fachbereiches wird durch die Mitarbeit von Wissenschaftlern in bundesweiten Gremien und Arbeitsgruppen, in Veröffentlichungen wissenschaftlicher Arbeiten in der Fachliteratur sowie in der Teilnahme von Mitarbeitern als Referenten bei nationalen und internationalen Kongressen dokumentiert.

AZ: Die Labordiagnostik soll in der jüngsten Vergangenheit große Fortschritte gemacht haben. Wie kann man sich das vorstellen, haben Sie vielleicht ein Beispiel parat?

Dr. Reckling: Das ist insbesondere durch Einführung molekularbiologischer Methoden gelungen. Zwei praktische Beispiele: Zum einen die Umstellung der BVD-Diagnostik von Blut auf Ohrstanzgewebe als wesentliche Voraussetzung für die Umsetzung der seit Januar 2011 in Kraft getretenen BVD-Bundesverordnung. Mit BVD ist Bovine Virusdiarrhoe, eine bedeutsame Rinderkrankheit, gemeint. Zum anderen die sehr schnelle Einführung der Diagnostik des Schmallenberg-Virus; genauer gesagt: schon wenige Wochen nach Erstausbruch in Deutschland.

AZ: Das Schmallenberg-Virus hat vor einigen Wochen für Schlagzeilen gesorgt. Die Erkrankung hatte auch Vieh im Norden des Landes erreicht. Wie ist die Lage momentan?

Dr. Reckling: Zurzeit sind circa 30 Betriebe in Sachsen-Anhalt betroffen. Es treten weitere Fälle vereinzelt auf, insofern kann keine Entwarnung gegeben werden. Viele Fragen sind in Zusammenhang mit dem plötzlichen Auftreten der Erkrankung noch zu klären.

AZ: Der Verbraucher erinnert sich vielleicht noch an BSE und andere schlimme Erreger. In der Regel lässt das Interesse aber nach einiger Zeit wieder nach. Warum sollte sich der Bürger grundsätzlich für Tierseuchen interessieren?

Dr. Reckling: Der Bürger sollte sich grundsätzlich dafür interessieren, um auch selbst mündig zwischen Panikmache und wirklichen Problemen unterscheiden zu können.

AZ: Worin liegen die Herausforderungen in der Zukunft, macht Ihnen ein Erreger momentan besondere Sorgen?

Dr. Reckling: Die Herausforderungen für die Zukunft ergeben sich aus der ständig umfangreicher werdenden, alle Lebensbereiche betreffenden Globalisierung und dem damit verbundenen Wachsen von Menschen- und Warenströmen, die das potenzielle Einschleppungsrisiko für neue Krankheitserreger für Mensch und Tier erhöhen. Besondere Sorgfalt erfordert die Überwachung der unterschiedlichen Influenzavirusstämme. Das plötzliche Auftreten der Blauzungenkrankheit und der Schmallenbergvirus-Infektion lassen auch eine Beteiligung des Klimawandels an dem Auftreten neuer Infektionskrankheiten vermuten.

AZ: Wie ist die Stendaler Einrichtung für die Zukunft gerüstet, reichen die Mitarbeiter und das Geld?

Dr. Reckling: Die Stendaler Einrichtung ist personell und materiell gut aufgestellt.

AZ: Danke fürs Gespräch.

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