Jungs zuerst: „Hat einfach praktische Gründe“

Disput nach Einschulung in Stendal: Leiterin sieht Mädchen in Schule gleichbehandelt

Petra Richter, Schulleiterin.
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Petra Richter, Schulleiterin.

Stendal – „Bei uns wird keines der Geschlechter bevorzugt. “ Petra Richter, Leiterin der Ganztagsgrundschule in Stendal, musste schon ein wenig schlucken, als sie von dem Offenen Brief einer Teilnehmerin der Einschulungsfeier erfuhr.

Dass die Jungen an diesem Tag zuerst aufgerufen wurden und dann erst die Mädchen an der Reihe waren, sei keine gesellschaftspolitische Botschaft und Rollenverteilung gewesen.

„Es hat einfach praktische Gründe, auch im Klassenbuch stehen die Namen der Jungen vor denen der Mädchen“, bleibt Richter im Gespräch mit der AZ zunehmend gelassen.

Ingrid Fröhlich-Groddeck, Gesellschaftskritikerin.

Jungen sind die Nummer 1, Mädchen die Nummer 2. Das möchte auch die Schulleiterin so nicht unterschreiben. „Warum auch?!“ Doch könne dieses Thema auch schnell einmal überladen und überinterpretiert werden. „Wir haben ja übrigens auch nicht gesagt, Jungs sind schöner oder Jungs sind klüger als Mädchen. Und natürlich hätten wir auch die Mädchen zuerst nach vorn bitten können und vielleicht passiert das auch zukünftig, doch auch dann aus praktischen Gründen.“ Sie zeige sich für fast jede Diskussion offen. „Doch diese scheint mir dann doch ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Wenn man keine anderen Probleme hat und sieht ...“ In der Stendaler Bildungsstätte sind am Sonnabend 66 Kinder eingeschult worden. Damit drücken dort nun insgesamt 293 Mädchen und Jungen die Schulbank.

Ingrid Fröhlich-Groddeck hat in ihrem Offenen Brief, aus dem die AZ bereits gestern zitiert hat, die Atmosphäre während der Einschulungsfeier gelobt und will die Kritik als „Impuls für einen Prozess des guten Gedankenaustausches“ verstanden wissen. Was sie stört: „Es gibt keinen vernünftigen Grund, Jungen zuerst aufzurufen und die Mädchen an zweiter Stelle.“ Und weiter in Richtung Schulleiterin: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Ihre Absicht ist. Es stünde auch im krassen Widerspruch zu dem, was auf Ihrer Internetseite als Bildungsziel zu lesen ist.“ Männer und Frauen seien gleichberechtigt, so stehe es im Grundgesetz und dieser Grundsatz sei ein hohes Gut, das es zu schützen gelte. Fröhlich-Groddeck engagiert sich seit vielen Jahren in vielfältiger Weise. Sie gehört zu den Urgesteinen der deutschen Friedens- und Ökologiebewegung. Fotos: hertzfeld

VON MARCO HERTZFELD

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