Diskussion über Unterbringungskonzept für Asylbewerber im Landkreis

Für Kultur des Willkommens

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Dezentral gelegen ist die Gemeinschaftsunterkunft in Stendal. Dezentrales Wohnen ist dort nicht gewährleistet.

Stendal. All die Lager, in denen Möbel aufbewahrt werden, die freiwillige Spender im Landkreis Stendal abgeben, sind im Zuge des Juni-Hochwassers im vergangenem Jahr recht leer geräumt worden.

Aber die Spendenbereitschaft war da, informierte Zweiter Beigeordneter Sebastian Stoll, die Mitglieder des Sozialausschusses. Die Sachspenden kamen bei den Betroffenen an und wurden auch dankbar angenommen.

Einen weiteren Bedarf gibt es trotzdem. Denn nicht nur Katastrophen im Landkreis Stendal lassen Menschen in Situationen kommen, in denen sie auf Unterstützung anderer angewiesen sind. Stichwort: Asylbewerber. Das „Konzept des Landkreises Stendal zur Unterbringung und Betreuung von nicht dauerhaften aufenthaltsberechtigten Ausländern im Landkreis Stendal“ lag jüngst als Mitteilungsvorlage den Ausschussmitgliedern vor. Thematisiert wurde während der Sitzung unter der Leitung von Dr. Helga Paschke (Linke) vor allem die Unterbringung, ob in Gemeinschaftsunterkünften, kurz „GU“, oder „dezentral“ in Wohnungen, die durch die Ausländer selbst angemietet werden können. Auf Wunsch helfen Sozialarbeiter dabei. Stoll: „Es gab Gespräche mit den Vermietern im Landkreis, die die Unterbringung in privatem Wohnraum grundsätzlich bejaht haben.“ Aber gebe es derzeit noch keine Rahmenpläne dazu. Man wolle vor jedoch allem vermeiden, dass ganze Hauseingänge zur Unterbringung genutzt werden, da dann ähnliche Gegebenheiten vorliegen würden, wie in einer Gemeinschaftsunterkunft und dann von Integration auch keine Rede mehr sein könne. Aktuell gibt es 35 Anträge auf Auszug aus den Gemeinschaftsunterkünften. Dies entspricht einer Personenzahl von 132.

Zwölf Anträge sind laut Stoll bereits bewilligt worden – für 43 Menschen. Neun sind noch in Bearbeitung. Dies betrifft 36 Frauen und Männer. 14 Anträge wurden abgelehnt. Zu dieser Entscheidung, die ein weiteres Leben in der Gemeinschaftsunterkunft, im Volksmund „Asylbewerberheim“, nach sich zieht, kamen die Sachbearbeiter, da bei den 53 Antragstellern unter anderem ein Mitwirkungsverbot, Straftaten oder eine Abschiebung vorliegen würden.

Ein „erheblicher Grund“, Menschen dezentral unterzubringen, liege vor allem darin begründet, dass sich nicht alle in einer Gemeinschaftsunterkunft auf Dauer wohlfühlen, weil dort verschiedenste Kulturen und Gewohnheiten auf engstem Raum aufeinandertreffen. „Besondere Umstände“ würden demnach zum Auszug aus der GU führen, zum Beispiel psychische Probleme.

„Wie soll denn eine dezentrale Unterbringung ohne deutsche Sprache funktionieren?“, fragte Wolfgang März (Linke). Elisabeth Glöß, Leiterin des Kreis-Ordnungsamtes erklärte: „Bewohner aus der GU fungieren teilweise als Dolmetscher. Manche Verbände, wie die AWO und das DRK, finanzieren über Drittmittel Deutschkurse.“ Eine Gruppe von Afghanen lernt an der Volkshochschule. Sie müssen allerdings selbst für die Kosten aufkommen. Dazu Sebastian Stoll: „Asylbewerber haben derzeit keinen geförderten Zugang zu Deutschkursen.“ Das Land arbeite an einer Lösung.

Sprachbarrieren seien allerdings kein Hinderungsgrund, in eine eigene Wohnung ziehen zu können. In dem Konzept, welches dem Sozialausschuss bereits zum vierten Mal zur Diskussion vorlag, ist zur dezentralen Unterbringung folgendes festgehalten: „Im Regelfall sollen Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind sowie Alleinerziehende mit mindestens einem minderjährigen Kind nach (...) Beendigung der Wohnverpflichtung in der Aufnahmeeinrichtung des Landes Sachsen-Anhalt vorrangig mit Wohnraum versorgt werden.“

Maximal sechs Monate sollen Familien in der Gemeinschaftsunterkunft untergebracht werden. Es gebe aber auch Menschen, die den „Schutz“ der Gruppe nicht verlassen wollen, machte Glöß deutlich. Und Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht habe eine „Willkommenskultur“ gefordert, bei der besonders die Kommunalpolitiker als Multiplikatoren wirken sollen, erinnerte Paschke. Sie betonte, dass die gesamte Öffentlichkeit im Landkreis dafür Verantwortung trage, den Menschen aus anderen Ländern offen entgegenzutreten. Auch eine weitere Spendenbereitschaft zählt dazu.

Von Alexander Postolache

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