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Historiker sieht Stadtjubiläum von Arneburg und Stendal kritisch: „Anlass darf nicht frei erfunden sein“

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Von: Marco Hertzfeld

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An Heinrich I. erinnert in Arneburg eine Kupferstatue. Seit Ostern steht sie auf dem Burgberg und nicht mehr in der Werkstatt. 2025 will Arneburg sein Stadtjubiläum feiern.
An Heinrich I. erinnert in Arneburg eine Kupferstatue. Seit Ostern steht sie auf dem Burgberg und nicht mehr in der Werkstatt. 2025 will Arneburg sein Stadtjubiläum feiern. © Hertzfeld, Marco

Arneburg / Stendal – Dr. Lutz Partenheimer gilt in Fachkreisen als profunder Kenner ausgewählter mittelalterlicher Geschichte. Für so manchen Stadtfürsten aktueller Tage dürfte der Historiker ein rotes Tuch sein.

Regelmäßig meldet er sich zu Wort und kritisiert den Umgang von Politik und Verwaltung mit Daten und Fakten. Stadtjubiläen und Ähnliches sollten gefeiert werden, natürlich, doch das bitte sauber und korrekt. Dem Veranstaltungskalender von Arneburg und Stendal widmet sich Partenheimer derzeit ganz besonders. Die AZ hat ihn befragt.

Hand aufs Herz, was denken Sie, wenn Sie das Denkmal zu Heinrich I. in Arneburg sehen?

Ich freue mich, wenn man an die Geschichte unserer Heimat erinnert. König Heinrich I., der von 919 bis 936 regierte, bewahrte das 843 gebildete Ostfrankenreich, das bei seinem Herrschaftsantritt Tendenzen zum Zerfallen in seine Bestandteile – die Stammesherzogtümer Sachsen, Lothringen, Franken, Schwaben und Bayern – zeigte. Er schlug den gefährlichsten äußeren Feind, seit circa 900 die Ungarn, 933 und stärkte das Ostfrankenreich, aus dem sich vom 9. bis zum 11. Jahrhundert das deutsche Reich entwickelte. Nur für die Begründung der Arneburger für die Aufstellung des Denkmals – Heinrich I. habe 925 die Arneburg errichten lassen – fehlt eine zeitgenössische schriftliche Quelle.

Inwieweit haben Sie die Statue in Arneburg schon leibhaftig gesehen und inwiefern könnte sie zur Pilgerstätte von Geschichtsfreunden werden?

Ich kenne bisher nur Bilder. Wenn Geschichtsfreunde sie betrachten, um sich mit altmärkischer, brandenburgisch-preußischer und deutscher Geschichte zu befassen, ist das natürlich sehr gut. Das Argument, solche Denkmäler – wie auch die in Werben geplante, dann verhinderte Aufstellung einer Statue Markgraf Albrechts des Bären – könnten Pilgerziele von Menschen mit rechter Einstellung werden, ist aus durchsichtigen ideologischen Gründen vorgeschoben. Auch die Zitadelle Spandau mit den dort stehenden Denkmälern der früheren Berliner Siegesallee ist kein Wallfahrtsziel für diesen Personenkreis.

Wie alt ist Arneburg denn nun wirklich?

Das ist schwer zu sagen. Gründliche archäologische Untersuchungen fehlen bisher. Nach Meinung von Fachleuten, die ich dazu befragte, scheint die Burg im 10. Jahrhundert als sächsische – nicht als slawische – Anlage entstanden zu sein. Insofern könnte, ich betone, könnte, König Heinrich I. den Befehl dazu gegeben haben – nur fehlt dafür eben ein zeitgenössischer Beleg. Heinrich I. starb 936, die Arneburg taucht in den schriftlichen Quellen aber erst Jahrzehnte später auf.

Mancher Bürger könnte meinen, es gibt Wichtigeres auf dieser Welt. Warum scheinen Sie in solchen Fragen derart besserwisserisch?

Als Wissenschaftler bin ich der Wahrheit verpflichtet – und wenn die Arneburger öffentlich erklären, dass der ostfränkische König Heinrich I. ihre Burg im Jahre 925 anlegen ließ, muss ich als Fachmann, der die schriftlichen Quellen zur mittelalterlichen brandenburgischen Geschichte seit Jahrzehnten studiert, darauf hinweisen, dass es für diese Aussage keinen zeitgenössischen Beleg gibt.

Sie dürften gerade so manchen Vertretern aus Politik und Verwaltung schon als notorischer Störenfried gelten. Inwieweit stört Sie das?

Ein verantwortungsbewusster Wissenschaftler forscht nicht, um Ergebnisse zu erzielen, die die Politik haben möchte. Natürlich gab und gibt es solche Leute im Kaiserreich und davor, im Nationalsozialismus, im Sozialismus und auch heute immer wieder. Die Gründe für ein solches Verhalten reichen von Angst bis zur Förderung der eigenen Karriere. Aber es existieren mehrere warnende Beispiele in der Geschichte dafür, wie Gesellschaften endeten, in denen Menschen, die sich für Wahrheit und Exaktheit einsetzten, Politikern und Verwaltung als Störenfriede galten.

2025 will Arneburg sich und seinen Burgberg feiern, 1100 Jahre, ein Stadtjubiläum. Auf den Punkt gebracht: Was ist daran falsch und wann sollten die Arneburger stattdessen feiern?

Der Anlass für ein derartiges Jubiläum darf nicht frei erfunden sein – wie in diesem Fall von den Arneburgern –, sondern muss sich auf mindestens ein zeitgenössisches Schriftstück – hier also auf eine Urkunde oder eine Chronik aus dem 10. Jahrhundert, aber eben keine Fälschung – stützen. Die Arneburg erscheint erstmals, als Bischof Thietmar von Merseburg in einer von ihm verfassten Chronik für das Jahr 978 den Tod eines Grafen Brun von Arneburg erwähnt. Da Thietmar bis zu seinem Tode 1018 an seinem Werk schrieb, könnte die betreffende Information also erst in diesem Jahr notiert worden sein.

Mitunter ist ja auch die Rede von einer Papsturkunde und einem Kloster Arneburg. Wie sehr helfen beide bei dem Ganzen?

Eine in die Jahre 981/83 datierte Papsturkunde für das von Brun gegründete Kloster Arneburg ist leider nicht über jeden Verdacht erhaben und daher als Ersterwähnung zu unsicher. Doch 997, also vor 1025 Jahren, war der ostfränkisch-deutsche König und Römische Kaiser Otto III., übrigens Heinrichs I. Urenkel, auf der Arneburg, weil er dort am 5., 8. und 13. Juni Urkunden ausstellen ließ. Nach Thietmars Chronik ordnete der Kaiser auf der Arneburg die Instandsetzung ihrer Befestigungswerke an. 997 ist also auf alle Fälle die mehrfach gesicherte erste schriftliche Erwähnung der Arneburg. Ansonsten bleibt es bei der allerdings eventuell erst 1018 niedergeschriebenen Erwähnung zum Jahre 978 – 2028 ist das 1050 Jahre her.

Ein rotes Tuch könnten Sie auch jenen Stendalern sein, die 2022 aus vollem Herzen 1000 Jahre Stendal feiern wollen. Sie haben das schon seit Jahren kritisiert. Warum bitte schön soll es auch in der Kreisstadt nicht passen?

Das angebliche Stiftungsdokument Bernwards, der von 993 bis 1022 Bischof von Hildesheim war, für das dortige Michaeliskloster von 1022 und eine diesem geltende Urkunde Kaiser Heinrichs II. aus demselben Jahre enthalten den Namen eines Ortes Steinedal im Gau Belshem beziehungsweise Belsheim. Doch handelt es sich dabei um zwei im 12. Jahrhundert erstellte Fälschungen, die deshalb als Erwähnung Stendals im Jahre 1022 ausscheiden. Die Aufführung der Güter des Hildesheimer Michaelisklosters in einer echten kaiserlichen Urkunde von 1022 enthält Steinedal nicht.

Wenn Sie recht haben, dürften es die Altmärker mit der Geschichtsschreibung nicht so genau nehmen. Bei welcher Stadt und welchem Termin müssen Sie denn bitte noch den Finger heben?

Wenn mir wieder ein erfundenes Jubiläum bekannt werden sollte, melde ich mich. Tangermünde machte es 2009 richtig, Gardelegen verschlief die 900. Wiederkehr seiner ersten Erwähnung im vorigen Jahr meines Wissens.

Bei all den Fallschlingen vergeht manchem vielleicht die gute Laune. Inwiefern sollten Stadtjubiläen und Ähnliches überhaupt gefeiert werden?

Ich bin sehr für solche Feiern, weil sie die Einwohner mit der Geschichte ihrer Orte vertrauter machen. Nur muss die erste Erwähnung in echten zeitgenössischen Quellen, also Urkunden oder Chroniken, die sichere Grundlage sein, und keine Fälschung oder gar freie Erfindung.

Dr. Lutz Partenheimer hat die Altmark gern im Blick. Exkursionen mit Studenten führten ihn auch dorthin.
Dr. Lutz Partenheimer hat die Altmark gern im Blick. Exkursionen mit Studenten führten ihn auch dorthin. © Privat

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