Ihren Sohn Nachtigal nicht verstoßen

Denkmal sicher: Stendal gibt sich für Diskurs über den Afrikaforscher offen

Stendals Nachtigal-Denkmal auf dem Nachtigalplatz stammt vom Berliner Bildhauer Richard Anders. Nachtigal ging in Stendal zur Schule. Er ist 1885 gestorben.
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Stendals Nachtigal-Denkmal auf dem Nachtigalplatz stammt vom Berliner Bildhauer Richard Anders. Nachtigal ging in Stendal zur Schule. Er ist 1885 gestorben.

Stendal – „Direkt vorweg möchte ich unterstreichen, dass die Hansestadt Stendal den erweiterten öffentlichen Diskurs über strukturellen und expliziten Rassismus – auch in Deutschland – ausdrücklich begrüßt."

Armin Fischbach dürfte die Bilder in Zeitung und Fernsehen kennen. Nach dem Tod eines Afroamerikaners im Laufe eines Polizeieinsatzes in Minneapolis Ende Mai gingen in den USA Tausende Menschen auf die Straße.

Die Bewegung Black Lives Matter (Schwarze Leben zählen) ist schon länger ebenfalls woanders aktiv, eine Diskussion auch über Kolonialismus ist entfacht, da und dort fallen Denkmäler oder werden verteidigt. Den 1834 in Eichstedt bei Stendal geborenen Afrikaforscher Gustav Nachtigal ficht das in seinem Heimatgebiet offenbar nicht großartig an. Die Büste steht eisern auf dem Sockel, ein Platz und eine Straße tragen seinen Namen.

Es ist auch wirklich kompliziert, zumindest darin sind sich selbst Fachleute einig. Ein Kolonialherr der übelsten Sorte dürfte Nachtigal, von Haus aus Geograf und Ethnograf, nicht gewesen sein. Dennoch lohne für die Zukunft ein genauerer Blick, meinte auch schon Stendaler Jacob Beuchel, ein studierter Politologe, im Frühjahr 2019 in der AZ. Nachtigal habe sich nun einmal für den Kolonialdienst des Kaiserreiches gewinnen lassen und habe von anderen Leuten fragwürdig erworbene Gebiete in Afrika beglaubigt. Inwieweit das und anderes mehr für eine echte Debatte über Kolonialismus und Rassismus reichen kann, bleibt abzuwarten. Nachtigalplatz und die Dr.-Gustav-Nachtigal-Straße gar umzubenennen, dahin gibt es laut Fischbach derzeit keinerlei Bestrebungen.

Große Befürchtungen, dass Stendals Nachtigal-Denkmal, 1891 errichtet und 1991 wieder aufgestellt, ob der aktuellen Ereignisse angegangen werden könnte, soll es nicht gegeben haben. „Dieses Szenario wurde im Rathaus am Rande besprochen, wurde jedoch als eher unwahrscheinlich eingestuft.“ Nachtigal sei vornehmlich einem kleineren Kreis von Enthusiasten bekannt. Vielen sei seine Geschichte einfach unbekannt und jene, die sie kennen, seien „sich uneins, wie kritikwürdig sein Wirken wirklich ist“. Auch dürfte selbst berechtigte Kritik nicht automatisch zum Sturz von Denkmälern führen. Fischbach kennt auch so keinen Fall in Deutschland, in dem ein entsprechendes Denkmal oder eine Statue beschädigt wurde. Eine „realistische Gefahr“ sieht er für die Bronze-Büste und Stendal nicht.

„Inwieweit Gustav Nachtigal in diese Diskussion hineinpasst, ist für uns als eine seiner frühen Wirk- und Wohnstätten natürlich schwer zu beurteilen, da wir in gewisser Weise befangen sind.“ Als Afrikaforscher habe Nachtigal viel Wissen über verschiedene Länder nach Europa gebracht. Dieses „Entdeckertum“ könne aber, genau wie seine spätere Position als Verwalter in der Kolonialpolitik, auch durchaus negativ bewertet werden, je nachdem wie historische Quellen ausgelegt würden. „Im Gegensatz zu vielen anderen Afrikaforschern diffamierte er die Einheimischen nicht, sondern bemühte sich augenscheinlich, sie zu verstehen.“ Kurzum: „Wir werden ihn nach wie vor als Sohn der Hansestadt Stendal anerkennen und sind offen für jedes Gespräch über sein Leben und Wirken.“

Eine aktuelle Kritik an Stendals Umgang mit dem Afrikaforscher ist dem Rathaussprecher nicht bekannt. „Jedoch hat sich in der Vergangenheit ein Berliner an die Stadt gewandt, der im Rahmen des Sachverhalts rund um das Afrikanische Viertel der Hauptstadt auch uns aufrief, Abstand von Nachtigal zu nehmen.“ An der Spree wird schon seit einigen Jahren nicht zuletzt über Kolonialnamen auf Straßenschildern gestritten. Feste und Veranstaltungen mit Bezug zu Nachtigal sind in Stendal derzeit nicht vorgesehen. Das Veranstaltungsmanagement sei ganz auf noch mögliche Feste in diesem Corona-Jahr fokussiert und natürlich auf den Sachsen-Anhalt-Tag 2022. Das Motto des Landesfestes in Stendal: „Mittelalter trifft Moderne.“ Irgendwo dazwischen bewegt sich auch Nachtigal. VON MARCO HERTZFELD  

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