Vor dem Verschwinden gerettet: 550 Jahreszeiten-Quader finden in Vereinsdomizil neue Heimstätte

DDR-Kunst thront über Oldtimern

Stendal. Die 550 Fliesen aus dem wegen des Baus eines Discounters abgerissenen „Haus des Bauarbeiter“ haben in der einstigen Husaren-Reithalle am Nordwall einen neuen Bewunderungsort gefunden.

Dem elf mal drei Meter großen Mosaik namens „Die vier Jahreszeiten“ geben die Erbbaupächter vom Verein „Nordwall Classic Garage“ in dem noch 2012 ebenfalls zum Abriss vorgesehenen 129-jährigen Gebäude eine passende Heimstatt.

„Ich bin sehr einverstanden mit dem neuen Standort. Reithalle, Oldtimer und DDR-Kunst, das passt“, sagt Bruno Groth. Der 87-Jährige hat das Fliesenwerk 1975 mit seinem Künstlerkollegen Manfred Gabriel erschaffen im Keramischen Werk Meißen erschaffen. An der Wiederauferstehung legt der Magdeburger seit Freitag höchstpersönlich Hand an. „Herr Groth schmiert sich seine Klappstulle morgens um fünf, fährt in Fahrgemeinschaft nach Stendal und ist um sieben in der Nordwallhalle“, bewundert Vereinsvorstand Jörg Punzel den Einsatz des agilen Seniors.

Das Relief war im Februar 2011 auf Betreiben der IBA Ingenieurbau Altmark vor dem Verschwinden gerettet worden, obwohl selbst Fachleute zunächst beteuert hätten, dass eine Demontage unmöglich sei. In extra angefertigten Holzkisten harrten die aufwändig aufgearbeiteten und fein säuberlich durchnummerierten Keramikquader bis Ende vergangener Woche ihrer „Neugeburt“ entgegen. „Unser Anteil als Verein ist gering. Wir konnten Raum und eine Wand zur Verfügung stellen“, sagt Vereinschef Michael Trösken. Er und seine Mitstreiter zollen den Verantwortlichen vom IBA Hochachtung, die „keine Kosten gescheut und mit Weitsicht Kulturgut gerettet“ hätten. Respekt verdiene auch Fliesen-Kümmerer Bruno Lehmbruch, der beim gesamten Fliesenumzug aktiv war und zuletzt Quader für Quader auf dem Hallenboden bereitlegte, damit fachkundige Fliesenleger die bedeutungsvollen Stücke Stendaler Kulturgeschichte an die Wand bringen können.

„Die vier Jahreszeiten“ sind Zeitzeugnis der im März 1950 von der DRR-Regierung beschlossenen „Verordnung zur Entwicklung einer fortschrittlichen demokratischen Kultur des deutschen Volkes und zur weiteren Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Intelligenz“, nachdem zwei Monate zuvor die BRD ihr „Kunst am Bau“-Programm ins Leben rief. Seitdem flossen zwei Prozent der Planbaukosten in volksnahe Kunst.

Bruno Groth sieht derweil schon das nächste Stendaler Betätigungsfeld. Weil die Borghardtstiftung neubaubedingt ihre Kindertagesstätte „Am Sandberg“ aufgibt, gilt es, das dortige Fliesenmosaik vor dem Verschwinden zu retten.

Von Antje Mahrhold

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