Sprachbegabte Studentin aus Luxemburg trotzt in Stendal der Coronazeit

Dajana trägt Europa auf der Zunge

Dajana Zec, eine gebürtige Kroatin aus Luxemburg, die in Frankreich studiert, fühlt sich in Stendal pudelwohl. Lesestoff gibt es unter ihrem Quartier en masse.
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Dajana Zec, eine gebürtige Kroatin aus Luxemburg, die in Frankreich studiert, fühlt sich in Stendal pudelwohl. Lesestoff gibt es unter ihrem Quartier en masse.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Mutterseelenallein in einer fremden Stadt und das auch noch in derart außergewöhnlichen Zeiten fühle sie sich keineswegs. In Stendal seien alle Menschen so freundlich, lächelten, selten falle ein böses Wort.

Stendal – Andere Leute in Verlegenheit zu bringen, ist ihre Sache ganz offensichtlich nicht. „Wollen wir auf Englisch reden oder weiter in Deutsch?“, fragt Dajana Zec die AZ gleich zu Beginn mit einigem Akzent.

Auch Französisch, Russisch, Portugiesisch und natürlich Kroatisch und Luxemburgisch beherrscht die 26-Jährige. Dass sie neben Betriebswirtschaft das Fach Angewandte Sprachen studiert, scheint da irgendwie nur konsequent. Noch mindestens bis März lebt und lernt sie in der Hansestadt.

Ungefähr die Hälfte ihres Lebens hat Zec in Luxemburg verbracht. Der Altmärker an sich dürfte über das kleine Land nicht sonderlich viel wissen, vielleicht noch, dass es ein Großherzogtum darstellt und Sitz wichtiger Institutionen der Europäischen Union ist. Die junge Frau nimmt das nicht großartig krumm. Wichtiger ist ihr: „Luxemburgisch ist eine eigene Landessprache und kein einfacher Dialekt.“ Einiges hört sich für deutsche Ohren mindestens entfernt verwandt an. Überhaupt seien Sprachen gerade in ihrer Vielfalt wichtig und könnten dennoch „Barrieren überwinden und Brücken bauen“ helfen, ist die Studentin einer Universität im französischen Nancy (Lothringen) felsenfest überzeugt.

Sie sei schon recht früh flügge geworden, jobbte auch an Wochenenden in Restaurants und anderswo. Sie wolle die Welt sehen, Menschen kennenlernen. Das europäische Erasmus-Programm und die Stendaler Kaschade-Stiftung haben ihren Aufenthalt in der Altmark seit September möglich gemacht. Sie hatte in Deutschland die Auswahl zwischen Leipzig, Trier und Stendal. Und hat sich für die letztgenannte Stadt entschieden. „Sie ist nicht zu groß, nicht zu klein und liegt außerdem günstig nahe Berlin und Magdeburg.“ Ein mindestens achtwöchiges Praktikum muss im Frühjahr noch folgen. Marketing, Online-Shop oder ganz anderes könne sie sich auch ziemlich gut in der Altmark vorstellen.

Lernen funktioniert auch unter Corona

An der Hochschule in Stendal hat sie Kurse in Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft belegt, gelehrt wird zu beachtlichen Teilen auf Englisch. Was ganz nach ihrem Geschmack sei. Corona mache das Lernen nicht besonders leicht, seit Kurzem laufe so gut wie alles nur noch online. „Aber es funktioniert, die Hochschule geht professionell mit allem um.“ Als sie einmal unter ihrem Quartier der Kaschade-Stiftung in der Büchertauschzentrale an der Weberstraße vorm Laptop saß, klopfte eine junge Frau an die Türscheibe und wollte wissen, was genau sie denn dort mache. „Wir haben uns unterhalten, Nummern ausgetauscht.“ Die gebürtige Kroatin soll in Stendal auch ihr Deutsch verbessern.

Fitnessstudio, Bowling, die Lichttage im Oktober, einiges habe sie in Stendal schon gemacht und erlebt. Und natürlich: Eine Chai-Latte der Kaffeerösterei am Marktplatz genießen und die Leute beobachten, viel mehr brauche sie dann an manchen Tagen auch nicht. Corona schränke das Leben nun wieder stärker ein. Was sie sich für junge Stendaler in normalen Zeiten wünsche, seien mehr Räumlichkeiten, Betreuung und gemeinsame soziale Medien. Gerade eine größere Gruppe am Winckelmannplatz scheine ihr doch recht auf sich allein gestellt, mag diese ihr gegenüber auch noch so freundlich gewesen sein. „Es ist natürlich nur ein erster Eindruck.“ Der recht zentrale Platz gilt als beliebter Treffpunkt von Jugendlichen.

Für Weihnachten geht es in die Heimat nach Luxemburg, Anfang Januar will die junge Frau schon wieder in der Altmark sein, eine Quarantänezeit müsse eingeplant werden. Ihre Familie sei übrigens recht groß, Teile gebe es „ein bisschen überall in Europa“, vor allem eine Folge der Jugoslawienkriege in den 1990er-Jahren. Zec spricht von „Diaspora“ und ja, Minderheiten könnten ein Land bereichern. Wie Stendal ohne Corona lebt, kann die Luxemburgerin nicht wissen. Von der alten Bausubstanz scheint sie angetan, von größeren Veranstaltungen hat sie gehört. Dass die altmärkische Kreisstadt im Juli 2022 den Sachsen-Anhalt-Tag ausrichtet, findet sie schon allein vom möglichen Marketing her interessant.

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